Hamburg

Vogt singt Wagner, Nelsons moderiert das konzertante Glück

Das City of Birmingham Symphony Orchestra in der Laeiszhalle

Hamburg.  Gibt es noch einen zweiten Spitzentenor, der so grundehrlich und bar jeder Koketterie mit seinem Publikum Kontakt aufnimmt? Mit seinem Publikum übrigens ganz wörtlich: Nachdem Klaus Florian Vogt die Leute in der Laeiszhalle mit den Sahnehäubchen aus seinen Wagner-Paradepartien von den Sitzen gerissen hat, ­bedankt er sich für den Beifall und fügt hinzu, an diesen Saal habe er ganz ­besondere Erinnerungen, „denn ich habe hier im Orchester schon viel Angstschweiß vergossen“. Vogt war nämlich mal Hornist des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Dass er aus der Innenansicht weiß, wie ein Orchester tickt, das merkt man auch an diesem Abend wieder. Kein Blatt passt zwischen ihn und das City of Birmingham Symphony Orchestra unter der Stabführung von Andris Nelsons. So wird die erste Programmhälfte eine Wagner-Sterndreiviertelstunde, beginnend mit einem kraftvoll fließenden, und dabei mit gebetsartiger Innigkeit geradezu aufgeladenen „Karfreitagszauber“ aus dem „Parsifal“ und gipfelnd in der „Gralserzählung“ aus „Lohengrin“. Bis dahin hat sich Vogts Stimme zu vollendeter Homogenität entfaltet. In „Amfortas, die Wunde“ und „Nur diese Waffe taugt“ klang seine tiefe Lage noch leicht schraffiert.

Es ist beglückend zu erleben, wie offenkundig Vogt mit Wagner in seinem Element ist. Hell und biegsam strahlt die Stimme, er singt makellos textverständlich und leuchtet in jede Ecke von Wagners schlangengleich sich windenden Melodien.

Nelsons und die Musiker begleiten Vogt mit feinem Pinsel, aber zugleich mit einem atemberaubenden Mut zum Ausdruck. Nelsons ist ein großer ­Moderator, Er beschränkt sich nicht dar­auf, Einsätze zu geben und den Spielern seine Auffassung von Musik zu oktroyieren, er stellt Zusammenhänge her und bringt die Musiker dazu, einander zuzuhören. Es ist, als flösse die Musik durch ihn hindurch. Bezwingender geht es kaum. Wenn er eine winzige Wendung modelliert und dabei die Beine wie Girlanden verschlingt, wirkt es schon mal, als würde er gleich abheben, so mühelos bewegt sich sein kompakter Körper.

Dass Dvoráks Siebte nach der Pause genauso spannend wird wie der Wagner-Teil, spricht für sich – normalerweise können es Instrumentalisten in der Unmittelbarkeit der Wirkung aufs Publikum mit Sängern nicht aufnehmen. Bei Nelsons schon. Es sucht seinesgleichen, wie klar er Dvoráks ernste, dramatische und fast ganz unfolkloristische Musik zeichnet, wie liebevoll er jedes Detail formt und wie kompromisslos er seine Musiker an Abgründe führt. Genau dazu sind Konzerte da: raus aus der Komfortzone der schönen Klänge, hin zur tönenden Auseinandersetzung mit letzten Fragen.

Hin und wieder hört man noch, wo das City of Birmingham Symphony ­Orchestra einmal stand, bevor Ausnahmepersönlichkeiten wie Simon Rattle und eben Nelsons es in die Riege der international gefragten Klangkörper führten. So was ist Handschrift. Und die ist, gerade in Zeiten der Globalisierung auch der sinfonischen Musik, etwas ganz Kostbares.

Falls irgendjemand nach diesem Abend das Bedürfnis nach mehr haben sollte: Andris Nelsons kommt bald wieder nach Hamburg. Am 7. November dirigiert er das Lucerne Festival Orches­tra.