Hamburg

Lauter, heißer, KISS

Egal ob fünf oder 50: Das Konzert der Hardrock-Band in der O2 World wurde generationsübergreifend gefeiert

Hamburg.  Marlon ist fünf. Ganz schön jung also. Aber dieser Abend, er könnte sein Leben für immer verändern. Denn heute ist er mit Mama und Papa in die O2 World gekommen. Nicht für irgendein x-beliebiges Konzert, schon gar nicht für das „Conni“-Musical, das auf dem Werbelaufband in der Halle angepriesen wird. Heute sieht Marlon KISS. Zum allerersten Mal. „The hottest band in the world“, die heißeste Band der Welt also, wie es im Intro tönt, das um kurz vor halb zehn aus den Boxen donnert.

Zwar fehlten am T-Shirt-Stand die Kindergrößen, aber das ist schnell vergessen. Erstens trägt Marlon ja bereits eine coole Jeansweste mit KISS-Aufnäher, und zweitens gab’s schon vorher sooo viel anzugucken. Erwachsene nämlich, die ihre Gesichter schwarz-weiß geschminkt haben. Manche sehen wie Katzen aus, andere wie Monster. Da ist sogar einer mit silbernen Plateaustiefeln und Perücke – KISS-Fans, die ihren Idolen nacheifern. Und die zwar – anders als das Kita-Kid – keinen Gehörschutz tragen müssen, aber ebenso fasziniert auf die Bühne starren, als es mit einem Pyro-Gewitter, mit Feuerfontänen und Donnerschlägen, losgeht. Als „Detroit Rock City“ die gut 100-minütige Show eröffnet.

Viele, die in der mit 10.500 Zuschauern fast ausverkauften Halle sitzen und stehen, sind schon lange Teil der „KISS Army“ (so der Name des offiziellen Fanclubs). Vor ewigen Zeiten hatten sie ihre Kinderzimmer mit KISS-Postern aus „Bravo“ oder „Pop Rocky“ tapeziert und ganze Nachmittage damit verbracht, die spektakulären Fotos auf der Hülle des Doppelalbums „Alive!“ zu betrachten. Und nun sind sie wieder hier, Jahrzehnte später, ihren Helden ganz nah. Ganz vorn stehen natürlich die Fanatiker, die jede Japan-Testpressung kennen, vom bis zu 10.000 Euro teuren KISS-Flipperautomaten aus den Siebzigern träumen und mehr Tour-T-Shirts im Schrank haben, als sie bis zum Ende ihres Fan-Lebens tragen können. Wobei das manchmal wohl einfach eine Frage der Konfektionsgröße ist. Nicht jeder der Anwesenden passt noch in M oder L, manch sorgsam gepflegter Bierbauch kann inzwischen auch XXL vertragen – oder wird von Spaß-Shirts (vorn: „Hoffnungsloser Romantiker sucht ...“, hinten: ... geile Schlampe“) überspannt.

Doch eventuelle Diätpläne rücken spätestens in den Hintergrund, als die wie immer gut geölte KISS-Showmaschine anrollt. „I Love It Loud“ ist nicht nur ein Bandklassiker, sondern an diesem Abend Programm. Denn wenn die Band nicht ballert, dann ballert die Special-Effects-Abteilung. Funkenregen, Stroboskopblitze, Lasergitter und immer wieder Explosionen – der Rauch hat sich noch gar nicht ganz verzogen, da geht’s schon atemlos weiter. Dass der Marvel Verlag mal einen KISS-Superhelden-Comic herausgebracht hat, erscheint in diesen Momenten sehr naheliegend.

„Wie viele von euch sehen KISS heute zum ersten Mal?“ fragt Sänger/Gitarrist Paul Stanley, und fügt, als einige Arme in die Höhe schießen, hinzu „Ihr werdet diese Nacht niemals vergessen!“ Auf den kleinen Marlon trifft das wohl spätestens zu, als Gene Simmons, Kampfname „The Demon“, voll aufdreht. Nach „Lick It Up“ spielt er ein düster brummendes Bass-Solo, blickt diabolisch um sich, lässt die überlange Zunge aus dem Mund schlängeln und spuckt plötzlich (Kunst-) Blut. Dank großer Videoleinwände auch im hintersten Winkel der Halle noch en detail zu sehen. Da ist sie, eine dieser „Creatures Of The Night“, die einem schon mal den Schlaf rauben kann. Jedenfalls wenn die Einschulung erst noch bevorsteht.

Doch der Grusel ist nicht von langer Dauer, denn jetzt stehen die Zeichen auf Party. Im Innenraum ist ohnehin längst Dauerklatschen angesagt, inzwischen stehen sie auch auf den Rängen, huldigen dem „God Of Thunder“ und zücken euphorisch die „Love Gun“. Zu „Black Diamond“, Schlusspunkt des Hauptteils, kommt Stanley an einem Stahlseil durch die Arena geflogen und spielt auf einem Podest weiter, dann eine kurze Verschnaufpause und hinein ins Zugaben-Dreierpack.

Aus zwei Rauchkanonen ergießt sich ein unablässiger Konfettiregen

„Shout It Out Loud“, „I Was Made For Lovin’ You“ und „Rock And Roll All Nite“: Vollbedienung auch für jene, in deren Adern nicht schon seit ewigen Zeiten KISS-Blut fließt. Alles muss raus, so scheint es, also wird geballert und gefackelt, was die Endgeräte hergeben. Dazu ein unablässiger Konfettiregen aus zwei Rauchkanonen; KISS weiß, wie man sich unvergesslich macht. Zwar ist Marlon – es geht auf 23 Uhr zu – inzwischen ein wenig müde und kuschelt sich in Papas Arme, aber die Jeansweste trägt er in den nächsten Tagen gewiss mit noch mehr Stolz als bisher schon.

Für „Conni“-Musicals oder das „Festival der Turnkunst“, das hier ebenfalls per Laufband beworben wird, ist der Junge wohl für immer verloren. Dafür kann er sich jetzt als Teil der „KISS Army“ fühlen. Und vielleicht gibt’s zu Weihnachten sogar die offizielle Fanclub-Mitgliedschaft (Jahresbeitrag 66 Dollar). Das wär doch was.