Kamasi Washington

„The Epic“ – Groß gedacht, großartig gemacht

Selbstbewusste Pose: Kamasi Washington hat seinen Coltrane gelernt

Selbstbewusste Pose: Kamasi Washington hat seinen Coltrane gelernt

Foto: mike park

Der junge Tenorsaxofonist und Arrangeur Kamasi Washington hat mit seinem Debütalbum „The Epic“ ein Meisterwerk vorgelegt.

Schon der Anfang ist der reine Größenwahn. Erst recht für eine Platte aus einem Genre, in dem gern vor sich hingegniedelt wird und das in chronisch schlimmen Fällen von Gestrigkeit scheintot riecht: Zwölf wunderbar verschrobene, energiegeladene Minuten lang wird der staunende Hörer in „Changing Of The Guard“ mit Streicherflächen und irre angehauchten Science-Fiction-Chören weggeblasen und daran erinnert, wie viel philosophierenden Groove bewusstseinserweiternde Musik haben kann. Von gleich zwei Schlagzeugern und zwei Bassisten, weil es geht. Das Hirn wird mit Musik geflutet, die sich vom Vier-Buchstaben-Etikett „Jazz“ nichts vorschreiben lässt.

Doch es kommt noch besser. Weil ein junger Tenorsaxofonist und Arrangeur aus Los Angeles sich die ganz große Ansage vornahm, kann am Ende so etwas irrwitzig Überbordendes dabei herauskommen wie „The Epic“ von Kamasi Washington. Merken, den Namen. Sehr viele Jazz-Alben muss man nicht unbedingt haben, weil sie gelerntes Handwerk vorführen. Dieses ist anders, es steckt voller Überraschungen und geschmeidigen Kurswechseln.

Fast drei Stunden kurz ist „The Epic“, drei CDs dick, eine Zehn-Mann-Band, ein 20-köpfiger Chor und dazu, wenn schon, denn schon, eine dick aufgetragene Streicherbesetzung. Kein normales Album also, sondern eher ein sympathisch übergeschnapptes Manifest. Und selbst das ist nur ein Bruchteil des größeren Ganzen. Washington und seine Musikerkumpel hatten sich 2011 einen Monat lang zum ungestörten, kollektiven Kreativitätsschieben in die Ruhe eines Aufnahmestudios mit viel Fassungsvermögen zurückgezogen. Als sie diese Aufgabe für angemessen beendet hielten, hatten sie 190 Titel auf der Festplatte, Material genug für mindestens acht Alben in den unterschiedlichsten Personalkombinationen.

Mit Washingtons Debüt hat das Brainfeeder-Label von Steven Ellison, dem Neffen von Alice Coltrane, ein Meisterwerk im Katalog. Die Vorablorbeeren haben sogar dafür gesorgt, dass es wegen der vielen Vorbestellungen bei Amazon die Jazz-Charts anführt, aber nicht nur dort momentan nicht lieferbar ist.

Man muss es so deutlich sagen: Dieses Album, Washingtons filmisch inszenierte Essenz aus den 45 damals aufgenommen Tracks, ist ebenso groß wie wichtig. Es ist ein Zeitdokument, wegen und trotz der Unruhen in Ferguson oder Baltimore, wegen und trotz Obama im Weißen Haus, wegen und trotz einer trickreichen Kulturindus­trie, die moralische Widersprüche bei Live-Konzerten zu Höchstpreisen an instagramsüchtige Teenager verkauft.

Dieses Album ist außerdem rasend politisch, doch es behält trotz der Wut einen klaren Kopf und erzählt versonnen lächelnd von der Schönheit einer klugen Revolution. Wer schreit, hat unrecht, sagt dieser Dreiakter. In „Malcolm’s Theme“ werden Erinnerungen an den afroamerikanischen Bürgerrechtler Malcolm X geweckt, aber auch dort, wo weniger direkt von ihm die Rede ist, geht es um Bürgerrechte und Bürgerpflichten in einer Welt, die tagtäglich durchdreht. Da ist es nur konsequent, dass Washington als Streicher- und Bläser-Arrangeur auch an einer anderen großen Freistil-Leistung beteiligt war, an Kendrick Lamars „To Pimp A Butterfly“, einer Hip-Hop-Platte, die trotz ihrer Komplexität spielerische Eleganz vorweisen kann.

Der Bandleader und Album-Architekt Washington verbeugt sich tief vor den Großen, besonders vor dem klassischen John Coltrane, vor McCoy Tyner, vor Albert Ayler und Pharoah Sanders und dem noch nicht elektrifizierten Miles Davis, vor den Künstler-Egos von Ellington, Mingus und Monk.

Washington kann aber auch saftig blubbernde Funkyness („Re Run“) oder Balladen („Clair de Lune“). „The Magnificent 7“ hebt ab und dreht dann fast eine Viertelstunde lang seine Kunstflugrunden im Sonnenlicht Kaliforniens. „Miss Understanding“ brettert zunächst los wie eine von der Leine gelassene Free-Jazz-Symphonie und läuft dann, mit Washingtons markig strahlendem Tenor vorneweg, zu rasanter Großform auf. Washingtons Eigenkompositionen haben einen sehr langen Atem, sind flächentönend gedacht und nehmen sich die Zeit, die es braucht, um zu wirken. Breitwand-Jazz-Neo-Fusion-Free-Soul-Rap-Sonstwas-Musik, die Druck hat, Anmut, Würde und Kraft, toll produziert übrigens.

Solche Platten, solche Statements wurden schon lange nicht mehr gemacht und erst recht nicht von derart jungen Musikern. Kamasi Washington ist gerade mal 34. John Coltrane hat im gleichen Alter erst sein wegweisendes Album „Giant Steps“ aufgenommen und sein ins Sphärische wegweisendes Spätwerk gab es noch nicht. Washington hat das alles noch vor sich und ein halbes Jahrhundert Jazz-Geschichte zusätzlich, von der er sich inspirieren lassen kann. Beneidenswert, mutig, umwerfend, epochal.

Kamasi Washington: „The Epic“ (Brainfeeder) / Kendrick Lamar „To Pimp A Butterfly“ (Interscope)