Lübeck

Hansemuseum eröffnet: Mit dem Fahrstuhl ins Mittelalter

Die Installation des Lübecker Rathaussaales von 1518 gehört zu den zahlreichen Rauminszenierungen, die die Besucher betreten können

Die Installation des Lübecker Rathaussaales von 1518 gehört zu den zahlreichen Rauminszenierungen, die die Besucher betreten können

Foto: Markus Scholz / dpa

Rauminszenierungen und moderne Ausstellungstechnik: Am Mittwoch wurde das Europäische Hansemuseum in Lübeck eröffnet.

Lübeck.  Nachdem die Besucher den gläsernen Fahrstuhl betreten haben, geht es behutsam und fast lautlos abwärts, hinunter in die Vergangenheit, die sich hier Jahrhundert für Jahrhundert in Schichten übereinander abgelagert hat. Im schummrigen Halbdunkel führt der Weg dann vorbei am Fundament des Seemannsheims aus den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, bevor unweit davon mittelalterliche Mauerreste zu sehen sind und schließlich eine hölzerne Hangbefestigung aus dem achten Jahrhundert.

Kein Zweifel, das Europäische Hansemuseum, das Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Lübeck feierlich eröffnet hat (siehe rechts), thematisiert nicht nur eine weit zurückreichende Geschichte, sondern wurde auch auf historischem Boden erbaut. Nach elfjährigem Vorlauf, mehreren Machbarkeitsstudien, heftigen Diskussionen und Kontroversen, verworfenen und beschlossenen Konzepten, einem Bürgerschaftsbeschluss und der großzügigen Förderung durch Stadt, Land, EU und vor allem durch die in Lübeck ansässige Possehl-Stiftung wird das Europäische Hansemuseum ab Sonnabend für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Dass sich die ursprünglich auf 25 Millionen Euro veranschlagten Kosten am Ende verdoppelt haben, wurde weder durch blauäugige Schätzungen noch durch Ärger mit den Baufirmen oder Fehlplanungen verursacht, sondern resultiert vor allem aus dem Umstand, dass sich der Bau auf dem historischen Areal des Lübecker Burgklosters von vornherein als Abenteuer erwies.

Immer wieder stießen die Archäologen auf Funde, die dokumentiert und gesichert werden mussten und damit zu Verzögerungen führten, sich aber andererseits auch als Glücksfall erwiesen. Denn am Ende fügten sie sich als immer neue Puzzleteile in die große Geschichte ein, die hier erzählt wird und bei der es nicht nur um die Vergangenheit der Stadt geht. Sondern zugleich um die eng damit verbundene Entwicklung eines zunächst noch bescheidenen, Ende des zwölften Jahrhunderts gegründeten Kaufmannsbundes, der sich jedoch im Spätmittelalter zu einer nordeuropäischen Großmacht entwickelte, mit einem fein austarierten Gefüge von politischen und kommerziellen Kontakten, die sich auf ein Netz von mehr als 200 Städten erstreckten – von London bis Nowgorod, vom norwegischen Bergen bis nach Brügge in Westflandern.

Doch das „Haupt der Hanse“, die einflussreichste und machtvollste aller Hansestädte war die meiste Zeit über unbestritten Lübeck, wo jetzt das neue Museum die ganze Geschichte lebendig werden lässt. Das wissenschaftliche Konzept hat maßgeblich der renommierte Historiker Rolf Hammel-Kiesow konzipiert, der seit 2010 auch Vorsitzender des Hansischen Geschichtsvereins ist. Die Architektur und das Ausstellungsdesign wurden von dem Hamburger Architekten Andreas Heller entwickelt, der unter anderem auch das hochgelobte und mehrfach ausgezeichnete Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven konzipiert hat.

„Wir wollen die Besucher sowohl emotional als auch rational ansprechen, sie sollen die Geschichte empathisch nachempfinden, zugleich aber auch auf wissenschaftlicher Grundlage informiert werden“, sagt Heller, der von einer „partizipatorischen Museumstechnologie“ spricht. Das Konzept besteht aus einer Kombination von aufwendigen Rauminszenierungen und Kabinetten, in denen Objekte auf traditionelle Weise museal präsentiert werden. Dazu gibt es zahlreiche Schautafeln, Grafiken, Diagramme und Begleittexte, die sowohl die jeweilige historische Situation als auch die einzelnen Objekte erläutern.

Lisa Kosok, die relativ kurzfristig vom Chefsessel des Hamburg Museums als geschäftsführende Direktorin des Europäischen Hansemuseums nach Lübeck gewechselt ist, schwärmt von „einem Typ Museum, das bisher so noch nicht existiert“. Es sei wissenschaftlich auf dem neuesten Stand, verfüge über hochmoderne Informations- und Medientechnik und biete zudem eine hohe Aufenthaltsqualität. Nur im Hinblick auf den Aufbau einer eigenen Sammlung sei „noch Luft nach oben“.

Obwohl zahlreiche europäische Museen Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt haben, fällt dem Besucher auf, dass es sich bei den Ausstellungsstücken vielfach um Repliken handelt. Dass diese zwar als solche gekennzeichnet sind, aber trotzdem oft wie kostbare Originale präsentiert werden, ist zumindest fragwürdig und stört ein wenig die an sich recht stimmige Kombination von atmosphärischen Rauminszenierungen und bewusst nüchtern gehaltenen musealen Präsentationen. Dennoch dürfte das neue Museum sein Ziel, Besuchern die Geschichte der Hanse mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen spannend zu vermitteln, wohl erreichen, nicht nur mit dem Erlebnis der Rauminszenierung und der Begegnung mit geschickt ausgewählten Exponaten, sondern auch mit der Möglichkeit einer vertieften Beschäftigung, zu der das „Hanselabor“ im ersten Stock des Burgklosters einlädt.

Überhaupt ist die behutsame Verbindung der neuen Ausstellungsarchitektur mit dem mittelalterlichen Bestand des vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhunderts baulich veränderten und teilweise auch als Gefängnis genutzten ehemaligen Dominikanerklosters auf herausragende Weise gelungen.

Europäische Hansemuseum An der Untertrave 1, 23552 Lübeck, ab 30. Mai, tgl. 10.00–17.00 Uhr, Ticket 11,50 Euro, Info: www.hansemuseum.eu