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Wird nach Ann Sophies Debakel alles neu beim ESC?

Ann Sophie auf einer Videoleinwand

Ann Sophie auf einer Videoleinwand

Foto: Daniel Bockwoldt/dpa / dpa

Lied, Sängerin, TV-Quote: Alles gut, heißt es trotz der Pleite. Doch der ESC wird sich verändern. Kommt Helene Fischer ins Spiel?

Hamburg. Das Desaster um die Hamburger Null-Punkte-Sängerin Ann Sophie beim Eurovision Song Contest (ESC) ist noch nicht richtig verdaut, da kommen schon erste Reformvorschläge, Korrekturwünsche und Durchhalteparolen vom Norddeutschen Rundfunk (NDR). So ließ sich der kompetente ESC-Spezialist des NDR, Thomas Mohr, am Montagmorgen bei NDR Info entlocken, dass man beim NDR die Lage wohl streng analysieren werde – Konsequenzen nicht ausgeschlossen. War der Modus mit dem Vorentscheid richtig? Ja, aber. War das Lied das bestmögliche, die Interpretin Ann Sophie die richtige Frau für den ESC-Zeitgeist, der den Erfolg bringen muss? Nun, sagte Mohr, in Schweden, dem Siegerland und Großexporteur von eingängier Popmusik (Abba, Roxette), gebe es mehrere Vorentscheide. Außerdem werden Pop quasi staatlich gefördert. Kein Wunder, dass Schweden so erfolgreich mit hit-tauglicher Musik ist.

Dabei haben alle, inklusive Live-Kommentator Peter Urban, den Auftritt von Ann Sophie gelobt. Nur, dass die Punkte eben nicht kamen wie erhofft. Zwar hat die Analyse der Abstimmung ergeben, dass Ann Sophie einige Male knapp an einem Punkt vorbeischrammte. Dass es nie klappte, lag am Fernsehpublikum. Die Zuschauer machen eine Hälfte der Abstimmung aus, Jurys die andere.

Während die Expertenjurys in Frankreich, Tschechien, Belgien, Großbritannien, Israel sowie in Finnland Ann Sophie unter den Top Ten sahen, platzierten die Zuschauer sie weit hinten. Alles in allem am schlechtesten wurde Deutschland von Zypern (26. Platz), den Niederlanden, Malta, Italien (jeweils 25.) sowie Griechenland (23.) bewertet. Die größten Sympathisanten Belgien, Dänemark, Ungarn und Polen sahen Ann Sophie im vorderen Mittelfeld auf Platz 11.

Am Ende hatte die 24-Jährige mit dem Titel „Black Smoke“ aus keinem Land einen Punkt bekommen. Das ist den Deutschen zuletzt im Jahr 1965 passiert. „Ann Sophie hat nichts falsch gemacht“, sagte ESC-Experte Irving Wolther. „Der Song ist ein guter Radiosong, aber auf der Bühne schwer zu inszenieren. Da gerät man leicht in Vergessenheit.“

Måns Zelmerlöw („Heroes“) aus Schweden triumphierte - auch dank einer effektvollen Bühnenshow mit marschierenden Strichmännchen. „Das war einer der verrücktesten Flüge, die ich je gemacht habe“, erzählte Zelmerlöw über die Heimreise nach Stockholm. „Die Stewardess ist ein großer Fan, und sie hat das ganze Flugzeug dazu gebracht, „Heroes“ zu singen.“ Er sei überwältigt, könne seinen Triumph noch nicht glauben.

Wäre es allein nach dem Fernsehpublikum gegangen, hätte Italien mit dem Trio Il Volo und der Arie „Grande Amore“ haushoch gewonnen. Doch hievten Expertenjurys die Skandinavier an die Spitze, ihr Votum macht 50 Prozent aus. Auf Platz zwei kam Russland, vor Italien, Belgien und Australien. Der Kontinent hatte zum 60. Jubiläum einmalig antreten dürfen.

Peter Urban regte eine Diskussion über das Reglement an. Die Regel, dass nur die jeweils zehn Länder mit den meisten Stimmen Punkte bekämen, stamme aus einer Zeit mit weniger Teilnehmern. Im aktuellen Fall habe das bedeutet, dass bei jedem Voting 17 der insgesamt 27 Teilnehmer automatisch leer ausgegangen seien. „Das ist eine Ungerechtigkeit im System, die man überdenken sollte“, sagte Urban der Deutschen Presse-Agentur.

Damit wird Schweden im Mai 2016 zum sechsten Mal seit dem Sieg von Abba 1974 mit „Waterloo“ einen ESC ausrichten. Ex-Außenminister Carl Bildt meinte: „Nun müssen wir anerkennen, dass Schweden eine Supermacht in Sachen Musik ist.“ Zuletzt hatte 2012 Loreen mit „Euphoria“ den Sieg ins Land geholt.

Die TV-Quote in Deutschland wurde zwar als mäßig eingeschätzt. Aber an dem Pfingstwochenende war vermutlich nicht mehr drin. Das Finale des Eurovision Song Contest sahen im Durchschnitt 8,11 Millionen Menschen (34,0 Prozent Marktanteil). Für den ESC im Ersten war es trotz Quotensiegs die schlechteste Zuschauerzahl seit sechs Jahren. Im vergangenen Jahr hatten im Schnitt 8,9 Millionen im ARD-Fernsehen zugeschaut, 2013 gut 8,2 Millionen und 2012 etwa 8,3 Millionen. Diese Zahlen belegen: So übel war es also nicht. Auch der Marktanteil spiegelt das wider. Und: Bei den Jüngeren, bei denen, die überhaupt noch fernsehen, war der ESC erfolgreich. Der Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen betrug 45,4 Prozent (1,10 Millionen), bei den 14- bis 49-Jährigen 40,7 Prozent (3,81 Millionen).

Beim Song Contest 2011 in Düsseldorf, als Lena Meyer-Landrut als Titelverteidigerin auftrat, sahen knapp 14 Millionen Zuschauer zu, bei ihrem Sieg 2010 in Oslo sogar 14,7 Millionen. 2009 waren nur etwa 7,3 Millionen dabei.

Die „Mitteldeutsche Zeitung“ schrieb: „Ann Sophie, die Ärmste, hat ihre Sache in Wien ganz ordentlich gemacht. Mit Helene Fischer wäre es vielleicht besser gegangen. Aber wer schon ein Star ist, will sich Wettbewerben eben nicht mehr gern stellen.“ (HA/dpa)