Offen gesagt

Cannes hat gut gewählt

Holger True

Holger True

Foto: Andreas Laible / HA

Ein Kommentar von Holger True

Was das Kino mit der Wirklichkeit zu tun hat, zeigt sich nicht bei einem Blick auf die Charts. „Pitch Perfect 2“, „Mad Max 4“ und „Avengers 2“ stehen da ganz vorn. Filme, die auf lockere Unterhaltung oder überwältigende Action setzen und deren gesellschaftliche Relevanz mit der Lupe gesucht werden müsste. Doch Kino kann auch anders sein. Engagiert, aufrüttelnd, schonungslos – das haben die Festspiele in Cannes einmal mehr bewiesen. Mit Jacques Audiards Sozialdrama „Dheepan“ hat ein Film die Goldene Palme gewonnen, dessen Aktualität von jeder „Tageschau“ bezeugt wird. In ihm landet ein Bürgerkriegsflüchtling aus Sri Lanka in einem Vorort von Paris, der von einem Bandenkrieg erschüttert wird. Und damit nicht genug: Der aus seiner Heimat Vertriebene muss mit einer jungen Frau und einem kleinen Mädchen eine Familie vortäuschen. Die gefälschten Passdokumente der Flüchtlinge zwingen dazu.

„Dheepan“ auszuzeichnen und nicht etwa das Holocaust-Drama „Son Of Saul“, das als Favorit galt, mag eine politisch motivierte Jury-Entscheidung sein. Es ist auch die richtige. Weil sie einem Thema die große Cannes-Bühne bietet, das uns umtreibt, wie derzeit kein anderes. Und dennoch auf den vorderen Rängen der Kino-Charts nicht zu finden ist.