Hamburg

„Die lustige Witwe“ behauptet sich gegen das Klischee

Hamburg. Operette! Das Wort genießt unter seriösen Musikfreunden traditionell keinen guten Ruf. Seichte, leichte Unterhaltung, so geht das Vorurteil. Die Musikhochschule beweist mit ihrer großen Sommerproduktion in der aufwendig hergerichteten Theaterfabrik am Wiesendamm gerade das Gegenteil.

Philipp Himmelmann, frisch berufener Regie-Professor, hat für Franz Lehárs Allzeitschlager „Die lustige Witwe“ ein ganzes Konzert an Mitstreitern gewonnen. Auf und hinter der Bühne sind diverse Studiengänge der Musikhochschule selbst vertreten, die Studierenden singen und sind an Regie und Dramaturgie beteiligt. Die Kostüme haben Studierende der HAW entworfen, bei der Maske ist die Face Art Academy Hamburg am Werk.

Der Spirit des Gemeinschaftsunternehmens ist mit Händen zu greifen, schon wenn man das Foyer betritt. Dort tafelt zu Walzerklängen eine schwarz-weiß kostümierte Gesellschaft im stilisierten Fin-de-Siècle-Look. Und wenn ebendiese Damen und Herren als Chor die Bühne stürmen, dann verbreiten sie eine Energie und einen Spielwitz, dass es einen fast vom Sitz zieht.

Es geht bei aller Leichtigkeit längst nicht nur um das Amüsement

Der Raum tut das Seine zu dieser vibrierenden Konzentration. Lani Tran-Duc hat nur ein paar Quader auf dem Boden verteilt und ein gutes Dutzend mit Lametta behängter Drahtgestelle unter die Decke montiert – fertig ist die Assoziation eines Ballsaals samt Lüstern. Welche Hoffnungen, welche geheimen Dramen sich in ihm abspielen, das suggeriert schon die raffinierte Lichtregie.

Es geht nämlich bei dieser Operette bei aller Leichtigkeit längst nicht nur um das Amüsement, von dem alle reden. Die Hauptfigur Hanna hat ein feines Empfinden dafür, wer nur an ihr Geld will – ihre Verletzlichkeit spielt die Sopranistin Signe Ravn Heiberg so anrührend aus wie der Bariton Zak Njoroge Kariithi als Graf Danilo dessen Ambivalenz zwischen dem Zynismus eines Warlords und wirklicher Liebe.

Himmelmann spielt äußerst kurzweilig mit Geschlechteridentitäten. Doch das Thema ist in Wahrheit tiefernst. Nicht nur für jenes schwarz gekleidete Wesen, das das frivole Geschehen wie ein verwirrter Storch betrachtet. Wie schmerzlich das Rätsel ist, das verraten die harmonischen Verschattungen, die Lehárs Musik so kostbar machen. Die jungen Sänger stellen sich ihm rückhaltlos. Stimmlich lässt vor allem der üppig strömende, bewegliche Sopran der Koreanerin Na-Rea Son aufhorchen.

Willem Wentzel am Pult der Hamburger Symphoniker begleitet die Sänger wie auf Zehenspitzen, aufmerksam bis in die feinsten Übergänge. Das Orchester selbst braucht ein wenig, bis es zu einer wienerischen Biegsamkeit findet. Vor allem aber fragt sich der geneigte Besucher: Warum eigentlich spielt bei dieser Produktion nicht das Hochschulorchester? Das hätte dieses große, beglückende Miteinander erst komplettiert.

Weitere Vorstellungen: 26.5., 1., 3., 6., 12., 17., 22. und 25.6., jeweils 19.30, Theaterfabrik, Wiesendamm 24. Kartentelefon: 44 02 98