Hamburg

Im Knust war das Wochenende auch dem Jazz gewidmet

Vor allem die Soloauftritte von Johanna Borchertund Bugge Wesseltoft gefielen

Hamburg. Keine Frage: Der Anlass für das erste Jazzhouse Wochenende im Knust war weit hergeholt. Jazzhouse hieß der Club an der Brandstwiete, dessen Räume das Knust 1976 übernahm. Weil Knust-Patron Karsten Schölermann sich und seinen seit zwölf Jahren auf St. Pauli residierenden Laden offenbar als ideellen Erben seiner Pachtvorgänger an der Brandstwiete betrachtet, will er ihm 2016 ein Jubiläum ausrichten. Der Feier des 50. Geburtstags des Jazzhouse schickt er in diesem Jahr zwei sogenannte Jazzhouse-Wochenenden voraus; das erste fand am Freitag und Sonnabend statt.

Die Premiere war durchaus gelungen und sollte Schölermann dazu animieren, es öfter mit Jazz zu probieren – auch ohne umständliche historische Referenzen. Die beiden Soloauftritte von Johanna Borchert und Bugge Wesseltoft am Freitag fanden kaum weniger Publikum als der zweite Abend, an dem der Saxofonist Stephan Abel aus Hannover sein Balladen-Doppelalbum „The Windmills of Your Mind“ vorstellte und der britische Soulsänger Myles Sanko sein Hamburg-Debüt gab.

Die Entdeckung von Dynamik in der Musik steht Sanko noch bevor, auch weiß er noch nicht, dass die stete messerscharfe Bügelfaltenakkuratesse im Spiel seiner Band die Seele des Soul eher auffrisst als freigibt. Aber Sanko zeigte neben unbedingtem Willen zur Präzision auch großes stimmliches Potenzial, und seine Verehrung für das Genre ist sympathisch grenzenlos.

Johanna Borchert faszinierte mit Finessen und Tiefgang

Stephan Abel brachte den Nachtschattenzauber seines mit Hamburger Musikern eingespielten Albums an diesem Abend nicht zum Blühen. Fürs große Balladenspiel blieb er tonlich zu blass und zu wenig persönlich. Ken Norris gab den Songs „Estate“ und „Never Let Me Go“ mit seinem makellos intonierenden Bariton noblen Glanz. Die Rhythmusgruppe – Buggy Braune, Klavier, Olaf Casimir, Bass, Heinz Lichius, Schlagzeug – agierte ungemein dezent und wirkungsstark, doch litten die Perlen ihrer Spielkultur unter dem hohen Plauderpegel im Saal.

Konzentriert dagegen lauschte das Publikum am Freitag dem Soloauftritt der Pianistin und Sängerin Johanna Borchert. Kein Wunder: So subtil und gekonnt, wie sie ihr Singer/Songwriter-Material mit Präparationen am Flügel und technischen Apparaturen auflud und dazu sang, hielten sich Bewunderung für die musikalischen Finessen und Berührung durch den emotionalen Tiefgang ihrer Lieder die Waage.

Bugge Wesseltoft lieferte anschließend mit seinem Solo-Set an Flügel, E-Piano, Computern und iPad eine souveräne, ans Schrullige grenzende One-Man-Show. Der Altmeister von Sentiment, Sound und Groove aus Norwegen schien mit seinem Instrumentarium ähnlich verwachsen wie ein am Rande der Zivilisation wirkender Forscher mit den Gerätschaften in seinem Labor. Genial – und ein bisschen einsam.