Washington

Die letzte Schicht des Fernseh-Nachtwächters

David Letterman verabschiedet sich heute nach mehr als 30 Jahren von seinem Publikum

Washington. Schon der erste Job sollte seinen bemerkenswerten Hang zur Satire freilegen. David Letterman war Wetterfrosch im Radio, als er Indianapolis aus heiterem Himmel Hagelkörner „von der Größe eines Dosen-Schinkens“ prophezeite. „Du kannst die Hochs und Tiefs nur eine bestimmte Zeit ansagen, bevor du verrückt wirst“, erinnerte er sich später, „bei mir hat das zwei Wochen gedauert.“

Als er schließlich erfundene Überschwemmungen in erfundenen Städten ins Mikrofon sprach, schmiss man ihn raus. Ein Segen für die Meteorologie. Und für das Fernsehen. Letterman wurde zum Eckpfeiler jener uramerikanischen Form der Abendunterhaltung, die man anderswo bis heute nach Kräften imitiert: ein paar Minuten Stand­up-Comedy, Plaudereien mit Gästen aus dem Schaugeschäft, Blödelspiele, Kommentare zum Tagesgeschehen und als Rausschmeißer etwas Live-Musik. 33 Jahre lang hat das Konzept gehalten. Am Mittwoch macht der 68-Jährige nach gut 6000 Stunden Stuss Schluss. Präsident Obama würdigte Letterman als „Institution“.

Anders als sein Konkurrent Jay Leno war Letterman nie „Mr. Nice Guy“

Letterman erledigte seinen Job mit bedingungsloser Hingabe. Noch kurz vor einer Herz-OP im Jahr 2000 moderierte er, und fünf Wochen Zwangspause später machte er schon wieder Witze. So war es auch, als er Affären mit Damen seines Teams live gestand und damit der Regenbogenpresse die Butter vom Brot nahm. 2001, wenige Tage nach dem 11. September, ging er als Erster seiner Zunft wieder auf Sendung und zauberte dem paralysierten Amerika ein erstes Lächeln aufs Gesicht.

Anders als sein Rivale Jay Leno war Letterman trotzdem nie „Mr. Nice Guy“. Überkam ihn schlechte Laune oder Desinteresse, dann wurde er zum griesgrämigen Saboteur. In diesen seinen besten Zeiten, die „dirty“ Harald Schmidt für seinen deutschen Ableger ausgiebig studierte, war Letterman exquisite Anti-Talkshow. Wo andere Stars und Politikern anbiedernd den Steigbügel hielten, grantelte der Feingeist oder karikierte durch Schweigen das Interview-Format. Paris Hilton war bei ihm den Tränen nahe, Cher nannte ihn ein „Arschloch“. Die junge Drew Barrymore hingegen sprang auf seinen Tisch und zog blank. Und Julia Roberts küsste ihn so innig, dass es knisterte.

Was bleibt, ist ein Künstler, der seine größte Angst im Leben nie verbergen konnte: „Du kannst großartig sein, du kannst schrecklich sein – nur eines sei nie: langweilig.“