Sat.1-Komödie

Ein gelungenes Experiment in Sachen Notlüge

Michael (Christoph M. Ohrt, r.) betrügt Katrin (Bettina Zimmermann, l.). Aber auch die hat einen Liebhaber, von dem sie nicht lassen kann

Michael (Christoph M. Ohrt, r.) betrügt Katrin (Bettina Zimmermann, l.). Aber auch die hat einen Liebhaber, von dem sie nicht lassen kann

Foto: Charlie Sperring

„Zum Teufel mit der Wahrheit“: Leicht, flott, böse und amüsant kommen die 90 Minuten in der Regie von Granz Henman daher.

„Wie geht’s Dir?“ – „Bestens“. „Wie findest Du meinen neuen Look?“ – „Toll, steht Dir super“. Wirklich? Jeder Mensch schummelt sich mitunter mit kleinen Lügen durch den Alltag, um das Miteinander vermeintlich geschmeidiger zu gestalten. Doch was wäre, wenn all diese höflichen Schwindeleien wegfielen? Und wenn auch die großen Täuschungen ans Licht kämen, die ganz dicken Lebenslügen?

Ganz neu ist dieses Gedankenspiel als Basis für einen Film nicht. Bereits 1997 konnte Jim Carrey als Rechtsanwalt Fletcher Reede nur noch die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen, was diverse Turbulenzen zur Folge hatte. Wesentlich weniger überdreht als die US-Version widmet sich nun der Sat.1-Film „Zum Teufel mit der Wahrheit“ dem Experiment Ehrlichkeit. Und das überraschend gut für eine Dienstagabendunterhaltung. Leicht, flott, böse und amüsant kommen die 90 Minuten in der Regie von Granz Henman daher. Da hätte der Presse-Text des Senders gar nicht so sehr mit Floskeln wie „Lügen haben schöne Beine“ operieren müssen, um Hauptdarstellerin Bettina Zimmermann anzupreisen. Denn diese Komödie ist zwar bei Weitem nicht frei von Klischees. Aber diese will der Film dann doch eher enttarnen und widerlegen als sie zu zementieren.

Zu Beginn werden erst einmal flugs die Charaktere eingeführt – und zwar mit ihrer jeweils schönsten Lüge, die stets auch eine gehörige Portion Selbstbetrug birgt. Etwa: „Ja, ich habe meine Frau betrogen, aber es war eigentlich ihre Schuld, ich konnte nichts dafür.“ Michael heißt der Mann, der diese scheinheilige Aussage tätigt, gespielt von Christoph M. Orth, der charmant das liebenswerte Schlitzohr gibt. Die von ihm gehörnte Kathrin (Bettina Zimmermann) hat sich mit Luca (Eugen Bauder) einen jüngeren Liebhaber gesucht, der auch mit ihren Teenager-Kindern gut klar kommt. Die Eifersucht des Ex ist ihr ebenso sicher wie der Neid der Freundinnen. „Cougar Town“ lässt grüßen. Zugleich hadert Fernsehjournalistin Kathrin genregerecht mit den ersten Falten, also mit ihrem Alter, 40. Nun ja. So weit, so stereotyp. Bis die Ehrlichkeit einsetzt. Und um das geschehen zu lassen, bedarf es in dieser letztlich recht realistischen Story dann doch etwas Magie.

Wegen eines hartnäckigen Juckreizes am Arm (ein Ausschlag, herzförmig!) geht Kathrin zu einer chinesischen Heilerin, die unterdrückte Gefühle diagnostiziert und kurzum eine Tinktur auf die Zunge träufelt. Klingt hanebüchen. Ist es auch. Wird aber ohne überkandidelten Hokuspokus und mit so viel Lakonie transportiert, dass die Sequenz fast wie eine Satire auf filmische Zauber- und Verwandlungsszenen wirkt. Überhaupt fällt bei dieser Produktion positiv auf, wie verknappt manche Handlungsstränge erzählt werden. Da wird kein Erklärbär übergroß durch die Dramaturgie geschickt, wie in so manch anderem seichten Stück. Wenn etwa der pubertierende Sohn als eine Art Running Gag durchs Bild läuft und auf jede Kontaktaufnahme lediglich mit „Whatever“ antwortet, wird deswegen nicht sofort ein pädagogisches Fass aufgemacht. Und was die chinesischen Tropfen bei Kathrin bewirken, wird ohnehin bald überdeutlich. Wenn sie etwa auf die Frage „Wie geht’s“ schon mal ausplaudert, dass es mit dem Orgasmus nicht so recht klappen will. Oder wenn sie dem eitel gealterten Schauspieler im Live-Interview Botox statt guter Gene als Schönheitsrezept attestiert.

Klar, das ist sehr zotig. Aber wenigstens nicht biedermeierlich heile-Welt-verschnarcht. Und unter der klamaukigen Ebene brodelt doch die grundlegende Frage, wie viel Ehrlichkeit der Mensch aushalten kann. Und ob all die Notlügen wirklich nötig sind.

Je länger der Zuschauer Kathrin auf ihrem Fettnapf-Parcour zusieht, desto weniger beschämend fühlt sich ihre erzwungene Kompromisslosigkeit an. Sondern vielmehr befreiend. Nach und nach zeigt sich: Ihre Ehrlichkeit mag anfangs brüskieren, schafft aber langfristig Vertrauen. Zu anderen. Und zu sich selbst. Und dass mit einem nicht gänzlich zu erwartenden Happy End auch gängige Vorstellungen von Romantik einem Lügendetektortest unterzogen werden, versöhnt mit dem ein oder anderen arg krachenden Kalauer. Ganz ehrlich.

„Zum Teufel mit der Wahrheit“,
Di, 20.15 Uhr, Sat.1