Filmfestival Cannes

Die Lebenden, die Liebenden und die Toten

US-Regisseur
Woody Allen philosophierte bei der Vorstellung seines Films „Irrational
Man“, der nicht im Wettbewerb gezeigt wird, über das Leben

US-Regisseur Woody Allen philosophierte bei der Vorstellung seines Films „Irrational Man“, der nicht im Wettbewerb gezeigt wird, über das Leben

Foto: dpa

Verzweifelte Menschen stehen im Mittelpunkt des Wettbewerbs. Auch über die filmische Umsetzung des Holocaust wurde diskutiert.

Cannes.  Menschen, deren Leben plötzlich Kopf steht – das war beim Filmfest Cannes am Wochenende das beherrschende Thema. Während sich Matthew McConaughey in „The Sea of Trees“ am Fuji umbringen möchte, kämpfen Cate Blanchett und Rooney Mara in „Carol“ um ihre Liebe. Und in „Mia madre“ muss eine Regisseurin ihren Filmdreh durchstehen, obwohl sie mit den Gedanken bei ihrer sterbenden Mutter ist. Außer Konkurrenz feierte außerdem die Dokumentation „Amy“ über den Aufstieg und Absturz der britischen Sängerin Amy Wine­house Premiere.

In „The See of Trees“ des US-Amerikaners Gus Van Sant reist McConaugheys Figur nach Japan, wo er sich nach dem Tod seiner Frau in einem bei Selbstmördern bekannten Wald umbringen möchte. Doch dann trifft er auf einen Mann, der sich verlaufen hat. Je mehr die beiden versuchen, dem Meer aus Bäumen zu entkommen, desto größer wird McConaugheys Lebenswille.

So intensiv Oscar-Preisträger McConaughey das spielt, so kitschig mutete die Inszenierung von Van Sant mitunter an, dass sich der Regisseur (der 2003 die Goldene Palme für „Elephant“ gewann) dieses Mal wohl kaum Hoffnungen auf einen größeren Preis machen kann.

Da dürfte Todd Haynes deutlich bessere Chancen haben. Sein Drama „Carol“ basiert auf einem Roman von Patricia Highsmith (1921–1995), die darin ein autobiografisches Erlebnis verarbeitete: Eine junge Verkäuferin trifft Anfang der 1950er-Jahre eine etwas ältere Frau, beide verlieben sich in einander.

Regisseur Haynes, der in „Dem Himmel so fern“ ebenfalls von einer verbotenen Liebe erzählte, inszeniert dies als ein wunderbar und detailgetreu ausgestattetes Drama. Er deutet viel an, lässt sich und den Charakteren Zeit für die Entwicklung. Dabei ist es vor allem Rooney Mara, die mit ihrer Darstellung der jungen Frau überzeugt.

Der Italiener Nanni Moretti, der für das Drama „Das Zimmer meines Sohnes“ einst die Goldene Palme gewann, schickt „Mia madre“ in das Cannes-Rennen. Darin versucht eine Regisseurin ihren Film zu drehen, während ihre Mutter im Sterben liegt. Sie kämpft mit ihren Emotionen – und dann ist da noch ihr Hauptdarsteller (John Turturro), der ebenfalls einige Aufmerksamkeit fordert.

Wie darf und muss ein Film über den Holocaust sein? Auch über diese Frage wird beim Filmfestival in Cannes diskutiert. Denn das, was der Ungar ­László Nemes am Freitag im Wettbewerb zeigte, brach gleich in mehrfacher Hinsicht mit den Sehgewohnheiten. Schließlich stehen bei seinem Drama „Son of Saul“, das im einstigen deutschen Vernichtungslager Auschwitz angesiedelt ist, nicht die Gräuel rund um die Gaskammern im Mittelpunkt, sondern sie werden verwoben mit der Geschichte des Insassen Saul, der verzweifelt versucht, seinen Sohn beerdigen zu lassen. Mit Sicherheit ein erster starker Favorit auf einen der Festivalpreise.

Saul arbeitet im Sondereinsatzkommando an den Gaskammern, sortiert die Kleidung, schleppt die Leichen zu den Öfen, schaufelt die Asche in einen See. Das alles filmt Nemes aber meist sehr unscharf; denn sein Fokus liegt auf Saul. Die Kamera ist immer nah an ihm dran, rennt mit ihm durch das Lager, die Baracken, stets auf der Suche nach einem Rabbi für die Beerdigung. Nemes gelingt es so fast beiläufig, einen Einblick in das wie eine Fabrik funktionierende Konzentrationslager zu geben. Inszeniert im quadratischen 1:1-Format, das die große Kinoleinwand lange nicht ausfüllt, entsteht sogar so etwas wie Intimität innerhalb dieser Todesmaschinerie. Dem 1977 geborenen Nemes gelingt mit seinem Debüt ein einprägsames Werk,

Der neue Film von Woody Allen kam da erwartungsgemäß deutlich gefälliger daher. In „Irrational Man“ spielt Joaquin Phoenix einen mit dem Leben hadernden Philosophieprofessor, der sich auf eine seiner Studentinnen (Emma Stone) einlässt. Der 79 Jahre alte Regisseur jongliert einmal mehr mit seinen bekannten Versatzstücken: Dabei sind es vor allem die moralischen Aspekte, die dem außer Konkurrenz gezeigten Werk Tiefe verleihen.

Auch auf der Pressekonferenz philosophierte Allen über das Leben. Die Realität sei grausam, sagte er. „Wir werden alle in einer ziemlich düsteren Situation enden, früher oder später.“ Das Filmen sei da für ihn eine willkommene Ablenkung – so wie „Irrational Man“ für die Festivalbesucher.

Außer Konkurrenz auch die Doku „Amy“. Der britische Regisseur Asif Kapadia zeigt darin zahlreiche bisher unveröffentlichte Aufnahmen der Jazzsängerin Amy Winehouse, die 2011 im Alter von 27 Jahren gestorben war. Kapadia („Senna“) sprach für den Film mit Dutzenden Weggefährten und integrierte viele Aufnahmen der jungen Winehouse, gerade vom Beginn ihrer Karriere. Dabei tritt sie auch als sehr humorvolle junge Frau auf. Im Film werden allerdings ebenso ihre Alkohol- und Drogensucht sowie ihre Bulimie-Probleme thematisiert.