Kultur

Auch nette Cops haben gute Geschichten

Das neue Frankfurter „Tatort“-Duo führt sich ganz manierlich ein, und einen Mordfall löst es in der Folge „Kälter als der Tod“ auch

Frankfurt war zuletzt kein einfaches Pflaster für Ermittler: Joachim Krols Suff-Cop Steyer verabschiedete sich nach nur sechs Folgen. Für seine Partnerin Nina Kunzendorf als Conny May war sogar schon nach vier Einsätzen Schluss. Jetzt rollt ein neues Duo vom Band der „Tatort“-Krimi-Fabrik: Die Ermittler Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) feiern mit der soliden Folge „Kälter als der Tod“ Premiere.

Und anders als der Titel dieses ersten Falls vermuten lässt, ist den Machern (Drehbuch: Michael Proehl, ­Regie: Florian Schwarz) bei ihrem Bemühen, der neu installierten Abteilung in der groß angelegten ARD-Verbrechensbekämpfung gleich mal ein unverwechselbares Profil zu verpassen, eines besonders wichtig gewesen: hier keine allzu hartleibigen Charaktere auftreten zu lassen.

Drei Menschen sind tot, alle heißen Sanders, Vater, Mutter, Sohn

Es muss nicht ächzen und knirschen, wenn zwei Bullen ihre Zusammenarbeit beginnen – und deshalb gehen Janneke und Brix von Anfang an sehr manierlich miteinander um. Sieht man mal vom ziemlich betulich inszenierten allerersten Aufeinandertreffen ab, bei dem die Morgenlusche Brix ­extrem maulfaul einfach an Janneke vorbeischlappt.

Natürlich will man als Zuschauer erst mal wissen, mit wem man in Zukunft Frankfurts Abgründe ergründen darf, weshalb der Kriminalfall, den die Mordnovizen aufzuklären haben, zunächst fast ein bisschen egal ist. Drei Menschen sind tot, alle heißen Sanders, Vater, Mutter, Sohn. Ein billiger Popsong läuft als CD-Single in einer Dauerschleife, als man die Leichen findet. In einer an Wendungen nicht gerade armen Krimi-Handlung wird der Song später noch eine tragende Rolle spielen. Und zwar als Soundtrack einer Familientragödie, die jahrzehntelang vergraben lag in den Arealen des Bewusstseins, die als Bannmeilen fungieren: Bloß nicht dran rühren, sonst bricht alles zusammen.

In der Gegenwart, in der dieses nie ganz Vergangene so blutig auferstanden ist, finden Janneke und Brix zunächst die vermisste Tochter Jule (Charleen Deetz) der gemeuchelten Familie nebst an den Clan angeschlossener Nachhilfslehrerin Miranda (Emily Cox) auf einem leer stehenden Bauernhof, wo sie in einem Verlies eingesperrt sind. 20 Minuten sind da erst um, was dramaturgisch verheißungsvoll ist, schließlich bleibt nun viel Zeit, Verdächtige ins Spiel zu bringen – sind es gar die jungen Frauen selbst, die augenscheinlich eine Liebesbeziehung führen, die zu Mörderinnen geworden sind? Und wie passen die mit der toten Frau Sanders verkrachten Silke Kern (die Schwester) und Martin Kern (der Schwager) ins schaurige Bild?

Das herauszufinden, sind Brix/Janneke angetreten. Mord ist ja die Königsdisziplin, beide sind Quereinsteiger; oder, wie ihr Vorgesetzter Riefen­stahl es ausdrückt: „Eine Psychologin und ein Straßenköter von der Sitte – warum Sie ausgerechnet zur Mordkommission wollten, will ich gar nicht wissen“. Der Chef will sie erst mal ein bisschen knechten, ein „Tatort“ ganz ohne Ego-Blähungen wäre ja auch lahm.

Es gibt schöne halbrealistische oder surrealistische Einschübe

Aber Riefenstahl ist halt am Ende doch überhaupt nicht hart, weshalb die Ermittler schon bald doch machen, was sie wollen. Aber das, wie erwähnt, auf die sanfte Tour: Als Psychologietante rückt Broich ihren Gesprächspartnern mit jeder Menge Empathie zu Leibe. Was zur Folge hat, dass man ihr ein Umschalten auf „Jetzt bin ich auch mal konfrontativ“, wie sie es mit der undurchsichtigen Miranda praktiziert, nicht so ganz abnimmt. Koch dagegen gibt den auf andere Weise soften Polizisten, der ein armes Würstchen immer wissen lässt, dass es ein armes Würstchen ist – es dann aber auch nicht mit der Härte des Gesetzes verfolgt.

Es gibt in „Kälter als der Tod“ schöne halbrealistische oder surrealistische Einschübe, die der „Tatort“-Folge eine epische, schicksalsmächtige Anmutung verleihen. Und was die Kaputtheit der Verhältnisse angeht, scheut dieser Krimi keinen Aufwand: Die sehr neurotische Ehe der Kerns etwa wird in eindrücklichen Szenen dargestellt, und Roman Knižka als endfertiger Tablettenschlucker mit Leiche im Keller ist ein nettes Beiwerk in einem „Tatort“ mit vielen Ideen: Wahrscheinlich ist die ein oder andere verzichtbar. Die neuen Ermittler selbst bleiben dagegen insgesamt noch etwas konturlos, vielleicht wäre da mehr möglich gewesen bei der Premiere. Andererseits ist da bestimmt noch etwas zu erwarten – auch nette Bullen haben gute Geschichten.

„Tatort – kälter als der Tod“ 17.5., 20.15 Uhr, ARD