Hamburg

„Die Vergessenen“: Musik mit Haltung und Charakter

Rocko Schamonis neues Album erscheint dank Crowdfunding

Hamburg.  Wie ein warmer Wind kommt die Musik dieses Albums an den Hörer heran geweht. Ein Instrumental-Stück aus Ennio Morricones Soundtrack zu „La moglie più bella“ eröffnet den Reigen aus 13 Songs. Ein retro-futuristischer Traum aus Flöte, Piano und Geigen. Nostalgie und Spielfreude reichen sich die Hand. Eine Stimmung, die die Platte mit dem schlichten Titel „Die Vergessenen“ fein durchzieht.

Mit dem Projekt, für das 600 Spender per Crowdfunding insgesamt fast 40.000 Euro gaben, hat sich der Hamburger Musiker, Autor, Schauspieler und Entertainer Rocko Schamoni einen Lebenstraum erfüllt. Mit dem neu gegründeten Orchester Mirage interpretiert er Lieder der größtenteils deutschen Popgeschichte, die seiner Ansicht nach nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden dürfen. Dabei sieht sich der 49-Jährige durchaus als Aufklärer, als Prediger der Vielfalt: „Überall hören die Menschen Musik – übers Radio, im Auto, im Büro, in der Werkstatt. Den ganzen Tag. Und immer und allerorten die gleichen paar Hundert Titel“, erklärt Schamoni. Dass sein Projekt jedoch nicht mit geschmackspolizeilicher Zeigefinger-Attitüde daherkommt, dafür sorgt die Auswahl. Das Humorvolle und Schräge, das Absurde und Abgründige, das Schamoni auch mit seinem Künstlertrio Studio Braun praktiziert, tönt bei „Die Vergessenen“ aus jeder Note. Es sind alles Stücke mit Haltung, mit Charakter.

„Die geheime Weltregierung“, ursprünglich von dem Schweizer Musiker Guz, wird zur schmissigen Big-Band-Nummer mit Ska-Anleihen. Die wunderbar somnambule Abschiedsode „Loswerden“ von Die Regierung, einer der wohl verkanntesten Bands der 90er, erhält eine Extraportion Crooner-Charme, „Das Zelt“ von Jeans Team lädt das Orchester mit viel Funk auf.

Ohnehin gibt es viel zu entdecken in den Arrangements von Bandleader Sebastian Hoffmann. Und im Gegensatz zum Premierenkonzert im vergangenen August im Thalia Theater, bei dem der Sound mitunter arg dicht nach vorne drängte, erhält Schamonis Stimme bei den Aufnahmen mehr Raum. Die Songs sind pompös und porös zugleich. So entstehen magische Momente wie etwa in der deutschsprachigen Version von „Michelangelo Antonioni“. Das Lied des brasilianischen Komponisten Caetano Veloso verströmt durch Schamonis spröden Gesang eine eigene, zartbittere Sehnsucht. Es darf also mit Spannung erwartet werden, wie die Songs beim Release-Konzert am Dienstag, drei Tage vor der Veröffentlichung des Albums, arrangiert sein werden.

In seine Songsammlung mischt Schamoni auch zwei eigene, bislang unveröffentlichte Stücke. Darunter die Kanzlerinnen-Hymne „Angela“, die wie eine Fortsetzung seines Indie-Hits „Du wählst CDU“ wirkt. Ansonsten reicht die Auswahl scheuklappenfrei von Chanson bis Punk. Manfred Krugs „Früh war der Tag erwacht“ stammt aus den späten 70ern, „Ist das wieder so ’ne Phase“ von den Lassie Singers aus den 90ern. Doch auch wenn die Songs in ganz unterschiedlichen Dekaden entstanden sind, verleihen Schamoni und das Orchester Mirage den Nummern eine schöne Zeitlosigkeit. So können die Lieder in Würde altern. Mit Stil und Swing.

Rocko Schamoni & Mirage „Die Vergessenen“
(22.5., Staatsakt); live (mit Axel Prahl) Di, 19.5., 20.00, Thalia Theater