Fabrik

Ein lustiger Abgesang auf das Musikgeschäft

Die Autoren Sven Regener (l) und Andreas Dorau posieren bei der Premiere des Buchs "Ärger mit der Unsterblichkeit"

Die Autoren Sven Regener (l) und Andreas Dorau posieren bei der Premiere des Buchs "Ärger mit der Unsterblichkeit"

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Andreas Dorau präsentiert seine Biografie „Ärger mit der Unsterblichkeit“ mit Co-Autor Sven Regener ind er Fabrik.

Hamburg.  Mal all das zusammenfassen, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, den Irrsinn und das Absurde. Irrsinnig und absurd erscheint ja immer all das, was im Nachhinein vor allem eine Abweichung von der Normallinie ist: Bei Andreas Dorau sind das seine frühen Jahre als NDW-Wunderkind mitsamt Tourneen und später dann der Selbstversuch auf einer Filmhochschule. „Ärger mit der Unsterblichkeit“ hat Dorau seine Quasi-Autobiografie genannt – wie vorher bereits eines seiner Musikalben. Gemeinsam mit seinem Co-Autor stellte er sein erstes Buch in der Fabrik vor.

Und weil dieser Co-Autor Sven Regener ist, konnte da nichts schiefgehen. Der Kerl ist ein Lesemeister, der sich auf das Handwerk versteht, den subtilen Humor des Vorgelesenen durch die Performance deutlich herauszustreichen: Regener schüttete sich das ein oder andere Mal aus vor Lachen, während der Mann, um den es geht, zumeist ungerührt daneben stand und manchmal fein lächelte. Das war Ihr Leben, Andreas Dorau – die Kunstwelt als Komödie.

Bei der Lektüre von „Ärger mit der Unsterblichkeit“ hatte man noch gestutzt: Hatte Dorau keine Lust, seine episodisch aufgereihten Abenteuer im Pop- und Kunstbetrieb selbst aufzuschreiben? An manchen Stellen klingen die Begebenheiten, die von kurios-
dilettantisch-genialen Videodrehs in Amerika oder vom Label-Wahnsinn der glorreichen, längst vergangenen Zeit berichten, wie Oral History. Ich-Per­spektive, auf Pointen konzentriert – vielleicht kann man in der Lakonie ein bisschen den Regener-Sound heraushören. Aber sonst weiß man nicht so recht, was Regener denn eigentlich so gemacht hat, viel Ordnung musste ja auch nicht sein, der losen Verknüpfung wegen.

Trotzdem ist Regener natürlich eine Vielzweckwaffe – die live auf der Bühne immer einsatzbereit ist. Regener, 1961 geboren und damit drei Jahre älter als Dorau, ist in mancherlei Hinsicht allerdings ein paradoxer Sidekick für Dorau. Die beiden kennen sich aus dem Hamburg der 80er-Jahre, und anders als Dorau hat Regener sich eine beachtliche Karriere gebaut: Seine Band Element of Crime hat viele Fans und Charterfolge, als Autor des Bestsellers „Herr Lehmann“ ist sein größter Hit allerdings ein literarischer.

Doraus Erlebnisse im Kulturbusiness sind dagegen gerade deswegen überhaupt erst vergnüglich, weil sie kleine Geschichten des Scheiterns sind. Oder, aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet: Weil sie von einem überzeugten Indie-Musiker handeln, dessen größtes Vorhaben war, stets klein zu bleiben. Dennoch ist „Ärger mit der Unsterblichkeit“ insgesamt auch ein Abgesang auf das Musikgeschäft, freilich ein sehr lustiger – wenn man denn auf Doraus Bereitschaft steht, sich selbst zu entblößen. Zu seinem Werdegang zählen Nebenhodenentzündungen bei Interviewsessions ebenso wie die Verwechslung von Münchner Cabriolets mit Urinalen.

Als Innenansicht aus dem Popbetrieb taugen Doraus Berichte durchaus, es sind aber die eines Außenseiters, der es vielleicht auch einer gewissen Selbstbescheidung zu verdanken hat, dass nur „Fred vom Jupiter“ und ein unverhoffter Hit in Frankreich namens „Girls in Love“ abfielen. Andererseits gibt’s für einen wie ihn auch stete Momente des Glücks. Wie schön eine Schlussbetrachtung wie diese doch ist: „Meine Alben sind nach der Jahrtausendwende durchgehend in den Top Ten der Hitparaden aufgetaucht, besonders in den iTunes- und Amazon-Charts. Zwar manchmal nur für eine Stunde, aber ich war nie der Meinung, dass Erfolg von langer Dauer sein muss.“