Premiere

„La bianca notte“: Durch das Reich der Zwischentöne

Komponist Beat Furrer hat im Auftrag der Staatsoper die Oper "La bianca notte / die helle nacht" geschrieben

Komponist Beat Furrer hat im Auftrag der Staatsoper die Oper "La bianca notte / die helle nacht" geschrieben

Foto: Marcelo Hernandez

Beat Furrers Musikdrama „La bianca notte/Die helle Nacht“ feiert an diesem Sonntag in der Staatsoper Uraufführung.

Hamburg.  Ein Mann wird zur Telegrafenstation. „Ich bin elektrisch ... Ich bin glücklich so“, singt Dino in den letzten Takten von Beat Furrers Oper „La bianca notte/Die helle Nacht“. „Ich lebe nicht. Ich lebe einem Zustand der kontinuierlichen Suggestion.“

Eine Existenz als elektrisches Medium sollte das ultimative Glück sein? Seltsam antiromantische Idee. Ob Dino am Ende seiner seelischen Odyssee nun tatsächlich zur Station erstarrt wie einst Lea zur Salzsäule oder ob die Verwandlung nur in seiner Vorstellung stattfindet, darauf kommt es nicht so sehr an. Dino erhellt die Nacht, der Beat Furrers neue Oper ihren Titel verdankt, indem er Geschichten erfindet. Es sind Geschichten von der Sehnsucht nach Anerkennung in der Gesellschaft, in diesem Fall der Futuristen, einer künstlerischen Bewegung im Italien des frühen 20. Jahrhunderts. Dino will zu ihnen gehören, aber sich ihrer latent faschistoiden Ideologie einer radikalen Moderne unterwerfen, das will er nicht. An dieser Ambivalenz wird nicht nur seine Liebesbeziehung mit Sibilla zerbrechen, einer Muse der Futuristen, auch sein eigenes Ich löst sich immer weiter auf.

„Mich hat das Schicksal eines Menschen berührt, der schreibend, erzählend immer wieder versucht, seine Identität zu rekonstruieren“, sagt Furrer am Rande eines Probentages. Er hat das Stück im Auftrag der Staatsoper Hamburg geschrieben. An diesem Sonntag dirigiert Simone Young die Uraufführung, es wird die letzte Premiere ihrer Amtszeit als Intendantin und Generalmusikdirektorin des Hauses sein. Regie führt Ramin Gray, die Solopartien übernehmen Tómas Tómasson (Dino), Golda Schultz (Sibilla), Derek Welton (Regolo), Tanja Ariane Baumgartner (Indovina) und Tigran Martirossian (Il Russo).

Die Verabredung mit dem Komponisten wäre beinahe geplatzt. Er hat sein Handy an diesem Tag im Hotel liegen lassen, und es ist nicht ganz einfach, jemanden zu orten in dem riesigen Gebäudekomplex der Staatsoper. Wobei das Erstaunliche eher ist, dass jemand wie Furrer überhaupt ein Mobiltelefon besitzt. Es wirkt beinahe altmodisch, wie gelassen konzentriert er am Tisch sitzt, nachdem er schließlich aufgetaucht ist, die Gestalt jungenhaft schlaksig trotz seiner 60 Jahre, die endlosen Beine übereinandergeschlagen, fein geschnittene Gesichtszüge unter einem brandroten Haarschopf.

Dass er einer der gefragtesten zeitgenössischen Komponisten ist, dass er am nächsten Morgen schon wieder weiterreisen muss, weil beim WDR zwei Werke von ihm uraufgeführt werden, all das ist in diesem Moment weit weg. Mit leiser, etwas rauer Stimme formt er wohlüberlegte, schweizerisch gefärbte Sätze. Keine Floskeln, keine Oberflächlichkeiten, nirgends.

Der Zufall bescherte ihm vor einigen Jahren sein Sujet: Ein Student schenkte ihm die „Canti Orfici“, zu deutsch „Orphische Gesänge“, des Weltenbummlers Dino Campana (1885– 1932). Der Autor hat darin Verse und Prosagedichte, Impressionen und Tagebucheintragungen zu einer einzigartigen literarischen Form verflochten. Die Texte sind stark autobiografisch gefärbt; der echte Campana ist sich selbst im Laufe seines Lebens ebenso abhanden gekommen wie sein gleichnamiges Alter Ego in der Oper.

Man muss dieses Schicksal vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse, besonders des Ersten Weltkriegs betrachten: Campana hatte sich von der Kriegsbegeisterung seiner Heimat losgesagt und tauchte irgendwann in den Künstlerkreisen um den Futuristen Filippo Marinetti auf. Er stritt lebhaft mit Literaten, aber er selbst reüssierte nie als Autor. Die „Canti Orfici“ hat er gewissermaßen im Selbstverlag herausgebracht. 1918 wurde er in eine psychia­trische Anstalt eingeliefert. Er hat sie bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen. Doch um dieses einen schmalen Bändchens willen gilt er heute in Italien als Schlüsselfigur der Moderne.

Furrer hat lange mit den „Canti Orfici“ gelebt, wie er erzählt, und, nachdem er den Auftrag für die Oper bekommen hatte, sein Libretto Schritt für Schritt aus ihnen herausdestilliert. „Es ist mir wichtig, mich einem Text immer wieder neu anzunähern“, sagt er über seine Vorgehensweise. „Libretto und Partitur wachsen gemeinsam.“

Die Handlung der „Bianca notte“ changiert zwischen Realität und Imagination, sie spielt dort, wo das Ungewisse wohnt. Die Wahrsagerin Indovina fragt: „Wer bewacht die stummen Pforten, die die Nacht auf das Unendliche hin geöffnet hat?“ Die Nacht ist also auch das Tor, durch das das Nichtfestgelegte uns anweht. „Das macht Angst“, sagt Furrer, „und hinter dieser Angst steht die Angst vor dem Tod.“

Auch musikalisch dringt er in den Grenzbereich des Wahrnehmbaren vor. Allenthalben stehen Klangflächen und Liegetöne in der Partitur, in Halbtonschritten abwärts huschende und ein­ander jagende Motive, überall der Buchstabe „p“ für piano, verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht. Furrer untersucht in seinen Werken die DNA des Klangs, der ja gleichsam die kleinste denkbare Einheit in der Musik ist: Wie tönen die verschiedenen Schattierungen einer Klangfarbe? Wie verändern sich Klänge im Raum?

Diese gleichsam nach innen gewendete Musik kann man nicht konsumieren. Man muss sich ihr stellen, sich auf die Suchbewegung des Komponisten einlassen. Wer am Sonntag in die Staatsoper geht, sollte nicht nur seine Ohren schärfen. Sondern tief im Innern bereit sein für eine Reise in das Reich der Zwischentöne.

„La bianca notte/Die helle Nacht“ Premiere
So, 10.5., 18.00, Staatsoper. Kartentelefon 35 68 68