Hamburg

Deichkind live: Wahnsinn auf und vor der Bühne

Hamburg. „Meine Augen flimmern/Kann mich nich’ mehr konzentriern“ Das Problem, das Deichkinds „Naschfuchs“ hat, wenn ihm die Süßigkeiten ausgehen, es kommt einem als Zuschauer am Freitag in der rappelvollen O2 World irgendwie bekannt vor: Deichkind feiert Tourabschluss, und besser als mit dem Song „Denken Sie groß“ kann man den Jahrmarkt der Wahnsinnigkeiten, den Kryptik Joe, Porky, Ferris und DJ Phono in ihrer Heimat entfesseln, einfach nicht beschreiben. Es leuchtet, es blinkt, es knallt, Publikum und Band wetteifern darum, wer die bekloppteste Neon-Kostümierung trägt – und durch alles wabern die Bässe.

Das Pendel, es schwingt von Gesellschaftskritik zu „Prost“ und wieder zurück, aufs Korn genommen wird so ziemlich alles. Leistungs- und Konsumgesellschaft, Glaube, Liebe, Hoffnung. Mal herrscht der pure Hedonismus, dann wieder wähnt man sich im absurden Theater, wenn die versammelte Truppe auf Bürostühlen zu „Bück dich hoch“ über die Bühne fährt. Wenn Hüpfburgen, Schlauchboot, Pac-Man und eine unendlich erscheinende Anzahl weiterer Accessoires nach und nach aus dem Hinter- in den Vordergrund und wieder zurück wandern.

„Roll das Fass rein“ wird wörtlich genommen, zu „Hauptsache nichts mit Menschen“ gibt’s eine Polonaise durch die dicht gedrängte Massen. Und der sinnfreie Kirmes-Techno von „Oma gib Handtasche“, er funktioniert genauso wie die wunderbare Phrasen-Ansammlung des komplett aus Werbeslogans zusammengebastelten „Powered by Emotion“.

Exzesse werden derweil auch vor der Bühne geboten: Gehen zu Beginn primär jene steil, die sich mit Plastiktüten und Schminke für diesen Abend ordentlich aufgehübscht haben, springt der Funke mit zunehmender Konzertdauer auch auf das restliche Publikum über. Das mag zum Teil mit dem steigenden Bierkonsum zusammenhängen, doch kann die alkoholinduzierte Enthemmung allein die sich ausbreitende „Krawall und Remmidemmi“-Stimmung nicht erklären.

Deichkind ist eben doch mehr als eine reine Spaßband, mehr als nur eine vom Feuer des Irrsinns angetriebene Beatmaschine. Zwar fragt man sich, ob die durch das Bassgewitter pumpenden Aufrufe zum Widerstand gegen den Status quo wirklich ankommen, aber vielleicht verstehen die Deichkind-Fans die politischen Botschaften ja tatsächlich.

In jedem Fall gilt: Ein Konzert von Deichkind, das ist Agit-Pop-Zirkus, die subversive Umkehrung der Gesetze des Musikbusiness, eine Art musikalischer Kindergeburtstag mit Kostümzwang. Und vor allem immer wieder ein Riesenspaß.