Hamburg

Der schrägste Zyklus der Musikgeschichte

Hamburg. Was ist das für eine Geige, die da kracht und schabt und scheppert? Unsauber klingt sie auch hin und wieder. Kann der Mann sie nicht ordentlich bedienen? Immer wieder holt Gunar Letzbor aus und schlägt den Bogen auf die Saiten, dass es den Hörer nur so graust.

Beim „Alten Werk“ bringen Letzbor und seine Kollegen von Ars Antiqua Austria den vielleicht schrägsten Zyklus der Musikgeschichte zur Aufführung: Die „Rosenkranz-Sonaten“ von Heinrich Ignaz Franz Biber, einem österreichischen Violinvirtuosen des 17. Jahrhunderts. Das heißt, nicht alle Perlen dieses akustischen Rosenkranzes, das sind nämlich ganze 16, was den Rahmen eines normalen Konzertabends in aller Regel sprengt – aber doch immerhin acht.

Und dann dieser Lärm? Doch, mit voller Absicht. „Jesus, der für uns gegeißelt worden ist“, heißt eine der Sonaten, und um das darzustellen, scheute man in der Barockzeit vor drastischen Mitteln nicht zurück. Biber schon gar nicht. Also hört das faszinierte Publikum im Großen Saal der Laeisz­halle die Peitschenhiebe nur so niedersausen, und in der „Kreuzigungssonate“ schlägt Letzbor die Töne ein wie ein grober Hammer Nägel.

Der Notentext gibt diese Geräuschkulisse nicht her. Man muss schon darum wissen, wie die Musik gemeint war. Letzbor weiß darum und lässt das Publikum in launigem, österreichisch gefärbtem Conférencierston daran teilhaben. Erstaunlich übrigens, wie diese eine Geige den Großen Saal füllt. Das heißt, es sind genau genommen drei verschiedene; Biber hat nämlich fast für jede der halsbrecherisch virtuosen Sonaten eine andere Stimmung vorgeschrieben – für den Interpreten eine grifftechnische und kognitive Herausforderung erster Güte.

Eskortiert wird Letzbor von einer fünfköpfigen Continuogruppe, darunter gleich drei barocke Zupfinstrumente, und die dreschen genauso lustvoll drein wie der Geiger. Die Herren können aber auch anders. Herzzerreißend die leisen Klagen, in denen Letzbor manchmal nur von der Gitarre ummurmelt wird. Er spielt diese Musik wie gesprochene Sprache, voller Brüche, Wendungen und Pausen.

Wohlerzogen, abgewogen, höfisch gar ist hier gar nichts. Dieser Abend ist schlicht ein Naturereignis.