Hamburg

Alles begann mit Patricia Highsmith

Wolfgang Franßen

Wolfgang Franßen

Foto: Kerstin Petermann

Hamburg. Nach mehr als 20 Jahren am Theater verschrieb sich Wolfgang Franßen ganz seiner alten Liebe, dem Kriminalroman. „Ich hatte im Prinzip alles inszeniert, was ich inszenieren wollte, alle Ideen, die ich hatte, umgesetzt“, erzählt Franßen in seinen Büroräumen an der Breitenfelder Straße von seiner Zeit am Theater K in Aachen. Zwei schwarze Ledersessel, ein Schreibtisch mit Laptop, Regale mit Büchern. Nach hinten öffnet sich die Ladenwohnung zu einem Garten, ein kleines Refugium der Stille. Draußen rauscht der Autoverkehr vorbei.

In diesen Räumen lebt Wolfgang Franßen, 1957 geboren, seit gut zwei Jahren eine Art Traum, der mit der Lektüre von Patricia Highsmith, James Ellroy und Dashiell Hammett irgendwann zu keimen begann. Franßen ist nicht mehr Theaterregisseur, er ist Verleger. Polar Verlag hat er sein Unternehmen benannt, das er mit noch zwei, drei freien Mitarbeitern betreibt.

Wie alles anfing? „Ich saß irgendwann mit einer Autorin zusammen, die wiederum einen Verleger gut kannte und von seiner Arbeit erzählte. Da bekam ich selber Lust, Kriminalromane zu verlegen.“ Unbekannten Autoren, die gute Geschichten erzählen, will er eine Plattform bieten. Nun ist das aller Ehren wert, doch niemand kann ernsthaft behaupten, der Büchermarkt wartete auf einen neuen Verlag. Von denen gibt es genug, auch und gerade solche, die Kriminalromane verlegen.

Wolfgang Franßen suchte ein Jahr lang nach der verlegerischen Nische

Ein Jahre lang ist Franßen herumgereist, bevor er seinen Verlag ins Leben gerufen hat. Er hat mit Social-Media-Leuten gesprochen, mit Marketingexperten, mit Verlegern, Kritikern und Autoren. Ein Jahr auf der Suche nach jener verlegerischen Nische, die Erfolg verspricht – „denn Krimis an sich gibt es ja genug“.

Der französische Autor Jean-Patrick Manchette gab schließlich den entscheidenden Anstoß. Er ist Begründer des sogenannten Polar, wie die französische Spielart des Noir-Krimis genannt wird, jene Form von dunklen, sozialkritischen Politkrimis, an deren Ende nicht jene Hoffnung steht, dass alles gut wird. Franßen wollte mit seinem Verlag den deutschen Polar ins Leben rufen, musste sich aber bald von diesem Vorhaben verabschieden. „Ich finde nicht genug deutsche Autoren, die das auf hohem Niveau umsetzen können. Deshalb setze ich zurzeit auf internationale Autoren.“ Dazu gehören etwa der Schotte Ray Banks mit seinem starken Roman „Dead Money“ oder der Ire Gene Kerrigan mit „Die Wut“ – beides sehr gute politische Romane, nicht nur im Sinne Franßens.

Beides allerdings auch Romane von in Deutschland weitgehend unbekannten Autoren. Was für den Vertrieb gleich ein doppeltes Problem markiert: „Es ist natürlich für einen unbekannten Verlag doppelt schwer, mit unbekannten Autoren in die Buchhandlungen zu kommen.“ Allemal in Zeiten, in denen auf Stapeltitel mit Bestsellergaranten wie Nele Neuhaus, Donna Leon oder Jussi Adler-Olsen gesetzt wird. Und in denen Qualität nicht zwingend ein verkaufsförderndes Argument ist.

Qualität aber ist für Franßen das Nonplusultra, im Herbst bringt er einen Titel des renommierten US-Autors Bill Moody auf den Markt, ein auch in Deutschland durchaus bekannter Name. Dabei agiert Franßen verlegerisch sehr vorsichtig. Die Startauflage seiner Bücher liegt bei 2000 Exemplaren, was zwar wenig ist, aber: lieber nachdrucken als verramschen gilt da fraglos. Das im Buchhandel kostenlos erhältliche, sehr anspruchsvoll gestaltete Magazin „Polar Gazette“ soll zudem den Bekanntheitsgrad steigern.

Um seinem Traum zum Erfolg zu verhelfen, ist ein langer Atem gefragt. Fünf bis sechs Jahre, schätzt Franßen, müsse man wohl durchhalten, um am Markt etabliert zu sein. Ein steiniger Weg, den der Verleger geht und den er von seinem eigenen Geld finanziert. „Zeitlich unbegrenzt kann ich das aber natürlich nicht durchhalten.“ Es bleibt also spannend, dem Genre gemäß.

Polar-Lesetipps: Ray Banks: „Dead Money“, dt. v. Antje M. Greisiger, 206 S., 12,90 und Gene Kerrigan: „Die Wut“, dt. v. Antje M. Greisiger, 315 S., 14,90