Mojo Club

Tocotronics Zeitreise durch die eigene Geschichte

Erfolgsquartett: Arne Zank (l.), Dirk von Lowtzow, Rick McPhail und Jan Müller sind Tocotronic

Erfolgsquartett: Arne Zank (l.), Dirk von Lowtzow, Rick McPhail und Jan Müller sind Tocotronic

Foto: Michael Petersohn

Die Hamburger Band spielt im Mojo Club alte Songs und stellt ihr neues Album vor. Der Sound wirkt geschliffener als früher.

Hamburg. Das Konzert von Tocotronic am Sonntagabend im Mojo Club mündet in einem Rausch. Hörbar. Spürbar. Die Zugabe „Kapitulation“ ist schon fast eine nostalgische Extrashow wert. Und man fragt sich, ob diese Jungs jemals vor der Zeit kapitulieren werden. In dieser Nacht wirken sie eher, als ob die Zeit selbst diesmal den Kürzeren gezogen hätte.

Von Beginn an ist klar: Der Sound ist gut. Er wirkt geschliffener als früher. Ja, sie haben ordentlich gefeilt über die Jahre. Damals war das Ungeschliffene noch gewollt. Schräg und daneben war „Teil der Jugendbewegung“. Stimme und Gestik Dirk von Lowtzows hingegen wirken zu Beginn des Konzerts fast zart. Ganz so, wie das neue „rote Album“, welches nur rote Farbe, aber keinen Namen trägt, es verspricht. Während er mit „Prolog“ pünktlich zur Primetime einen eher poppigen Einstieg in den Abend wählt, macht es sich die Menge vorerst gemütlich auf dem rot ausgeleuchteten Klangteppich.

Dirk von Lowtzows erster Gruß „Hallo Hamburg“ komplettiert die vertraute Wohnzimmer-Atmosphäre. So schauen auch die Gäste von der Balustrade im Inneren des Clubs herab auf ihre ganz persönliche Geschichte, die sie mit Tocotronic verbinden. Sie blicken auf die Zeit, in der die Texte dieser Band einen elementaren Soundtrack zu ihrem Leben lieferten. Nur wenige der Vertreter der Jugendbewegung von heute haben sich an diesem Abend hierher verirrt.

Und dann, unerwartet und doch insgeheim gehofft, nimmt die Band richtig Fahrt auf: Im bunten Blitzen der Scheinwerfer wirkt Jan Müller wie eh und je, wenn er mit seiner Seitenscheitel-Mähne Front-Propeller spielt und dabei den Bass lässig vor den Hüften kreisen lässt. Arne Zank bedankt sich brav nach jedem Song, die Drumsticks hoch in die Luft gereckt. Er wird später sogar noch seinen Schemel erklimmen, um seiner Freude gebührend Ausdruck zu verleihen. Auch Gitarrist Rick McPhail, der seit 2004 den Sound des einstigen Trios erweitert, macht seine Sache gewohnt gut.

Als sich dann bei „Aber hier leben, nein danke“ ein wild hüpfender Pulk formiert, wird die Stimmung endgültig lebendig, fast jugendlich überschwänglich. „Samstag Ist Selbstmord“ – ein Titel zum Mitsingen und endlich Zeit für alle, die Hände in die Höhe zu reißen. Die Menge wird zunehmend lauter, die Band auch.

Bei „Mach Es Nicht Selbst“ bricht kollektives Gejubel los, und die Fans stellen gemeinsam sicher: Nichts hat sich verändert. Wir sind nach wie vor hier, um den Texten zu lauschen. „This Boy Is Tocotronic“ – This Band auch, immer noch.