Hamburg

Im Geiste von Günter Grass

Weggefährten und Literaten gedenken bei den „Erneuerbaren Lesetagen“ im Ohnsorg Theater des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers

Hamburg. Eine mehr als 100 Meter lange Schlange bis hin zur Kirchenallee, die sieht man vor dem Ohnsorg Theater auch nicht alle Tage. Es gibt zwar am Sonntag etwas umsonst – der Eintritt ist wie bei allen Veranstaltungen der „Erneuerbaren Lesetage“ frei –, der vorletzte Abend des Festivals „Lesen ohne Atomstrom“ ist jedoch einer, der so schnell nicht wiederkommt. Weil auch Günter Grass nicht mehr kommt. Aber Grass wird bleiben.

Der am 13. April im Alter von 87 Jahren gestorbene Literatur-Nobelpreisträger hatte zum fünften Geburtstag von „Lesen ohne Atomstrom“ noch selbst mitwirken wollen. Nun gerät der vorletzte Abend des 2011 gegründeten Festivals zu einer Hommage an Günter Grass. Mehrere Künstler und Weggefährten gestalten ihn im voll besetzten Ohnsorg zu einer dreistündigen konzertanten Lesung – ohne Gedenkminute, aber ganz im Sinne Grass’, des streitbaren Mahners, des sich einmischenden, auch umstrittenen politischen Dichters. Vor vier Jahren hatte Grass den Vorschlag verworfen, „Lesen ohne Atomstrom“ als Gegenveranstaltung zu den damaligen „Vattenfall-Lesetagen“ im Deutschen Schauspielhaus mitzubegründen. „Wir gehen dahin, wo die sind“, hatte Grass gesagt. Der Schriftsteller las (und diskutierte) im April 2011 lieber in einem Zelt vor dem inzwischen stillgelegten AKW Krümmel in Geesthacht.

Nachdem im Ohnsorg diese Bilder und die ersten Sätze von Grass’ Erzählung „1955“ aus dem Band „Mein Jahrhundert“ auf den Vorhang projiziert sind, öffnet sich dieser ein zweites Mal. David Bennent, unvergessen als kleiner Oskar Matzerath in der Romanverfilmung von „Die Blechtrommel“, führt die Geschichte von einem Abteilungsleiter im Katasteramt fort, der 1955 aus Angst vor der Atombombe in seinem Garten einen Atombunker betoniert. Bis zum bitteren Ende, als er von der Betonmasse des Rohbaus verschüttet wird. Großer Beifall des Publikums aus mehreren Altersschichten für den Text und den Schweizer Schauspieler. „Der David Bennent ist aber alt geworden“, sagt eine Besucherin zur anderen in der Pause. Kein Wunder, hatte er mit der Blechtrommler-Rolle 1979 doch als 13-Jähriger sein Filmdebüt gegeben.

Noch mehr mit Grass verbindet die Schrifsteller Feridun Zaimoglu („Kanak Sprak“) und Benjamin Lebert („Crazy“). Nacheinander teilen sie sich auf der Bühne Grass’ Ballade „Netajis Weltreise“, die der Dichter noch selbst für diesen Abend ausgesucht hatte, eine der letzten Veröffentlichungen Grass’ aus dem Band „Freipass“. Eindringlich lesen die Vertreter zweier Autorengenerationen das Langgedicht über den Bengalen Subhash Chandra Bose. Den nannte man „Netaji“, laut Grass „Führerlein“, er bildete von Kalkutta aus mithilfe der Nazis um 1942 eine „Indische Legion“, die der Waffen-SS unterstellt war. Das Gedicht, im zweiten Teil vorgetragen von Lebert, endet mit Mahnung und Warnung: „Doch heut noch lebt er in Bengalen als Legende./Erzählt und auch besungen wird/das Wunder seiner Wiederkehr./Denn frisch geblieben ist der Wahn,/der ihn weltweit getrieben,/Stets sucht er Auslauf, findet neue Bahn.“

Nina Hagen schmückte den Abend zur konzertanten Protest-Lesung aus

Inwieweit sollen sich Schriftsteller heute in Grass’ Sinne noch respektive wieder einmischen, fragt der langjährige Deutschlandfunk-Chefredakteur Rainer Burchardt. Der 33-jährige Lebert, Mitbegründer des politischen „Lübecker Literaturtreffens“, versucht, Grass’ Erbe mit dem Literaturtreff wachzuhalten und erzählt, wie er Ute und Günter Grass das erste Mal besucht hat – und dabei prompt den Margeritenstrauß für die Ehefrau des Dichters vergessen hatte. Zaimoglu, auch als Kieler Mitglied des „Lübecker Literaturtreffens“ und – wie er selbstironisch anfügt – ob seiner düsteren Sprache „seit 21 Jahren der böse Bube“, bringt es auf den Punkt: „Einfach mal rausgehen und das Maul aufreißen!“

Das macht Nina Hagen quasi von Geburt an. Die frühere Punk-Ikone, wie Zaimoglu und Burchardt bereits im ­April 2011 in Krümmel dabei, schmückt den Abend zur konzertanten Lesung aus. Es hat schon fast etwas Surreales, wie die Sängerin in der feinen Kreuzfahrt-Kulisse der aktuellen Ohnsorg-Komödie „Aspirin un Elefanten“ auf dem Hocker sitzt. Mit rot-weiß-gestreiftem Ringelshirt, schwarzem Minirock, punkigen rot-schwarzen Strümpfen, hohen Stiefeln und ihrer typisch rauchig-rollenden Stimme textet sie, begleitet vom Pianisten Fred Sauer, Songs von Bertolt Brecht oder Matthias Claudius um. Die hierzulande wohl komischste Protestsängerin singt „Atomkraft? Atommüll? Atomkrieg? Nein danke!“, und fordert „Gitarren statt Knarren – Down By The Riverside!“

Am Ende der gut drei Stunden
bittet Nina Hagen alle Herren Literaten und Mitwirkenden auf die Bühne, der kleine David Bennent beömmelt sich, als sie „Dieser Zug nimmt keine bösen Männer mit“ anstimmt.

Für wenige Kritiker war Günter Grass ein böser Mann. Für Grass’ jahrzehntelange Sekretärin Hilke Ohsoling war er vor allem ein fleißiger Mann. Die jetzige Geschäftsführerin der Günter- und Ute-Grass-Stiftung kündigt an, dass sie Werkstatt-Tagebücher herausgeben wird. Grass wird bleiben.