NDR-Redakteur

Gerd Spiekermann: Unser Mann fürs Niederdeutsche

Gerd Spiekermann im Ohnsorg Theater vor Heidi-Kabel-Bild

Foto: Michael Rauhe

Gerd Spiekermann im Ohnsorg Theater vor Heidi-Kabel-Bild

Nach drei Jahrzehnten und mehr als 1000 Geschichten geht NDR-Redakteur Gerd Spiekermann in den Unruhestand.

Hamburg. Nach einer Stunde ist der Kaffee in der Tasse kalt. Gerd Spiekermann hat nämlich das gemacht, was er am besten kann: Geschichten erzählt. Von seiner Frau und seinen vier Kindern und seinen dreieinhalb Enkelkindern. "Im Juli kommt das vierte." Von seiner Oma und seinem Opa. Von Ovelgönne, diesem 500-Seelen-Dorf in der Wesermarsch, wo er aufgewachsen ist. Wo seine Eltern einen Gasthof mit zwei Fremdenzimmern hatten und beim Essen immer viele Leute am Tisch saßen und alle nur plattdeutsch gesprochen haben. Und wie die plattdeutsche Sprache dann zum Leitfaden in seinem Leben wurde. Den Kaffee hat er irgendwie vergessen.

Vor einigen Tagen ist Gerd Spiekermann 63 Jahre alt geworden. Er fand, es sei nun an der Zeit, beim NDR aufzuhören. Nach mehr als 30 Jahren, nach mehr als 1000 Geschichten für "Hör mal'n beten to". Nach 24 Jahren "Sonntakte", 14 Jahren Hafenkonzert, mehr als 750 Folgen "Platt für Anfänger" und unzähligen Dialogen mit Frau Kessler beim Tratsch im Treppenhaus.

Nun ist Schluss mit den Geschichten. Na ja, fast.

Seine eigene geht in etwa so: Gerd Spiekermann wollte Lehrer werden. Und zwar in Hamburg, wo seine Freundin studierte. Nach dem Abitur zog er aber erst einmal "möglichst weit" weg von der platten Heimat. Er kam immerhin bis nach Marburg. Dort studierte er Politikwissenschaft und Französisch. Doch nach seinem zweiten Staatsexamen im Jahr 1981 stellte das Land keine Lehrer mehr ein. Spiekermann machte seinen Zivildienst beim Diakonischen Werk und arbeitete schließlich fünf Jahre mit psychisch kranken Menschen in einer Werkstatt in Hamm. Nebenbei engagierte er sich in plattdeutschen Vereinen.

Als sie beim NDR und der damaligen Hamburg-Welle junge Plattsnacker fürs Programm suchten, dachte er sich: "Dat weer ja wat för mi." Er wurde freier Mitarbeiter – und im März 1985 fest angestellt. Seitdem ist Gerd Spiekermann der Mann fürs Niederdeutsche bei NDR 90,3.

Eins stellt der freundliche Brillenträger gleich klar: Er führt mit seinen Geschichten keinen Überlebenskampf für eine sterbende Sprache, die nach Schätzungen noch von rund fünf Millionen Menschen in Norddeutschland gesprochen oder zumindest verstanden wird. "Das Plattdeutsche darf nicht untergehen – solche Parolen wirst du von mir nicht hören", sagt er. Er sei kein Kämpfer für eine Sprache. "Das ist auch keine Aufgabe für Autoren oder Medien. Eine Sprache überlebt, wenn sie in den Familien gesprochen wird. Wir können nur Sendungen machen."

Er findet auch nicht, dass Plattdeutsch angenehmer oder wärmer klingt als das Hochdeutsche. "Dialekte werden zwar oft als heimeliger empfunden, aber 150 Tote bei einem Flugzeugabsturz sind auch auf plattdeutsch eine furchtbare Nachricht."

Wo hören die Leute denn noch Platt? Laut Umfrage haben die meisten Menschen auf diese Frage geantwortet: "Im Radio." Und nicht etwa in der Familie. "Das ist zwar schmeichelhaft für uns, aber erschreckend für die Sprache", sagt Spiekermann. Auch seine Ausbildung zum plattdeutschen Geschichtenerzähler fand ja in der Familie statt. "Ich hatte um mich herum immer gute und deftige Erzähler." Der Vater, der Onkel, der Opa. Bei ihm saßen sie als Kinder auf dem Schoss und bettelten: "Opa, erzähl' uns doch noch mal die Geschichte."

Was ist für Spiekermann eine gute Geschichte? "Wenn der, der sie erzählt, nicht so gut dabei wegkommt", findet er. Und wenn am Ende ein Fragezeichen steht. "Wenn die Leute selbst drauf kommen, was ich wohl gemeint haben könnte." Und, ganz wichtig: Bloß nicht moralisieren.

Vielleicht ist er doch so eine Art Lehrer geworden. Ein Lehrer des Alltags, der sehr genau hinschaut und den Menschen dann, immer mit einem Schmunzeln oder Lachen, den Spiegel vorhält. Seine Vorgehensweise war in all der Zeit immer die gleiche: Er hat morgens die Zeitungen durchgeblättert, ein Thema gefunden, daraus eine Geschichte entwickelt, und am nächsten Tag wurde das gesendet. Drei Jahrzehnte lang.

Seine Zuhörer haben das geliebt. Sie sind zu seinen Lesungen geströmt. Mehr als 15 Bücher hat Spiekermann geschrieben, es gibt zahlreiche Hörbücher mit seinen Geschichten über Vadder und Mudder, dat Leven und de Lüüd. Und es gibt natürlich auch seine schönste Geschichte. "Oma ehr Schütteldock." Das Wischtuch, das in Wahrheit eine alte Unterhose ist und mit der seine Oma zuhause alles – also wirklich alles – sauber gewischt hat. Als er die Geschichte seiner Schwester vorgelesen hat, hat die sich nicht wieder eingekriegt vor Lachen. "Anne ist sehr wichtig für mich. Sie ist meine erste Instanz, ihr habe ich meine Geschichten immer zuerst vorgelesen." Oft habe sie ihm dann auch noch Tipps und Anregungen gegeben.

Ihr ist er sehr dankbar. Genau wie seiner Frau und seinen Kindern für die zahlreichen Anregungen. Für die Familie will er jetzt endlich mehr Zeit haben. "Die mussten oft auf mich verzichten, ich habe ja auch viel am Wochenende gearbeitet." Mit seiner Frau Heike – die beiden sind seit fast 20 Jahren Bereitschaftspflegeeltern und haben mehr als 50 Kinder bei sich aufgenommen – geht es bald nach Argentinien. "Für ein halbes Jahr, wir lernen schon Spanisch."

Das Radio ist für Gerd Spiekermann das schnellste und spannendste Medium

Ganz aber kann Gerd Spiekermann das Radio, das für ihn nach wie vor das schnellste und spannendste Medium ist, noch nicht loslassen. "Hör mal 'n beten to" und "Hamburg Sounds – Jazz" wird er weiter machen. Vorher jedoch wird er vom NDR verabschiedet. Ganz standesgemäß mit einer Gala im Ohnsorg Theater, die natürlich längst ausverkauft ist. Seit Wochen verschwinden die Kollegen, wenn er in den Raum kommt. Oder klicken hastig den Bildschirm dunkel. "Das ist alles sehr geheim, ich weiß überhaupt nicht, was mich erwartet." Nur eines ist sicher: Die Überraschung kann noch so groß sein – die lieben Kollegen werden es bestimmt nicht schaffen, Gerd Spiekermann sprachlos zu machen.

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