Oskar Roehler

„Mein Leben als Affenarsch“: Das härteste Buch des Jahres

Oskar Roehler,
1959 geboren, ist
Filmemacher und
Schriftsteller

Oskar Roehler, 1959 geboren, ist Filmemacher und Schriftsteller

Foto: picture alliance

Oskar Roehlers „Mein Leben als Affenarsch“ schreibt eine autobiografische Saga fort. Das hinreißendste Buch der Saison.

Ein bleicher, ausgemergelter Typ ist Robert, als er Anfang der 80er-Jahre in die Frontstadt kommt: Gewillt, sein Glück zu machen im Berliner Underground. Dichter will er werden, er erzählt jedem und insbesondere jeder, er schreibe Songtexte. Damit verdient man natürlich kein Geld, und was man heute eine prekäre Existenz nennen würde, war damals die Lizenz zum Kaputtsein.

Robert marschiert durch Berlin, mit Wehrmachtsmantel und Tornister. Er springt in den Landwehrkanal, schrubbt die Verrichtungskabinen in Sexetablissements, rasiert sich den Schädel. Er geht zum Amt, das ihm umstandslos Sozialhilfe zahlt. Er zieht von Wedding nach Schöneberg, aber er gehört so oder so nie zum Adel der Berliner Hänger, Punks, Rocker, Säufer, der Drogenesser, Verranzten und Nachtgestalten. Weil er nur ein Zugezogener ist, wie so viele zwar – aber die Edelberliner, die Höhergestellten, denen dieses Standesbewusstsein aus jeder Pore tropft, das sind die Urberliner.

„Mein Leben als Affenarsch“ heißt die kleine, große Robertiade, die vom Leben Roberts erzählt. Und Roberts Leben ist gleichzeitig das Leben Oskar Roehlers, der mit diesem räudigen, rohen, komischen, selbstzerstörerischen und brutalstmöglich lebenshungrigen Roman das hinreißendste Buch der Saison vorgelegt hat. Es setzt ein, wo ­Roehlers überwältigend guter Roman „Herkunft“ (erschienen 2011) aufhörte: beim Abschied des Helden von der westdeutschen Provinz, wo er bei seinen Großeltern aufwuchs und ein Internat besuchte.

In „Herkunft“ ging es um das Großwerden eines sensiblen Jungen jenseits dessen, was man gemeinhin als behütete Kindheit bezeichnet. Die Eltern sind heillose Egomanen, die ihre Selbstverwirklichung als Schriftsteller über alles stellen und den Sohn emotional und auch sonst verwahrlosen lassen. Aber Robert kämpft sich durch, entwickelt eine gewisse Anhänglichkeit an Ersatzfamilien – und will sich freistrampeln, freilich in einem ähnlichen Milieu, dem auch die Eltern zeit ihres Lebens angehörten: der antibürgerlichen Kunst- und Kulturszene, in der man es krachen lassen kann.

Roehler, Jahrgang 1959, macht aus seinem Leben und dem seiner Vorfahren seit Jahren Kunst, und dass er, der von Hause aus Regisseur und Drehbuchautor ist, seine autobiografischen Filme nun mit autobiografischen Romanen flankiert, ist nur konsequent. Für „Die Unberührbare“, den Film über seine Mutter Gisela Elsner, erhielt er im Jahr 2000 den Deutschen Filmpreis. 2013 verfilmte er „Herkunft“ als „Quellen des Lebens“, ein Film, der wie das Buch von drei Generationen erzählt. Zeitgleich mit dem Erscheinen von „Mein Leben als Affenarsch“ kam nun die Filmgroteske „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ in die Kinos. Womit man sich aussuchen kann, ob das eine das Buch zum Film oder das andere der Film zum Buch ist.

Die oft ins Komische gespiegelte Selbsterweckung Roberts als so harter wie nonkonformistisch-versiffter ­„Eraserhead“, wie er sich nach dem Film David Lynchs irgendwann nennt, fokussiert ganz auf das bedrohte Ich des Jungmannes. Die Eltern – Gisela Elsner und Klaus Roehler – kommen nur noch am Rande vor. Aber das Trauma von Roehlers Lebens ist dann doch auch das Hauptthema von „Mein Leben als Affenarsch“. Implizit, weil eben nur ein immer schon in der Welt Verlorener so bindungsunfähig und hysterisch durch Westberlin taumeln kann wie Robert.

Und explizit, wenn Roehler seinen Helden einer TV-Sendung beiwohnen lässt, in der seine Mutter dem Publikum erzählt, dass sie eigentlich gar kein Kind haben wollte: „Ich habe Wodka in mich hineingeschüttet, um das elende Getrampel zu ersticken, das mich permanent beim Schreiben meines Romans gestört hat.“

Es ist ein Gequälter, der in „Mein Leben als Affenarsch“ durch die Kulissen eines schmutzigen Ortes stolpert. Der Hausmeister erleichtert sich im Innenhof der Mietskaserne. Der Held deliriert, nachdem er halluzinogene Pilze gegessen hat. Er schreibt hasserfüllte Leserbriefe („Tötet die Bürger!“) und fragt sich, warum es nichts werden will mit der Schriftstellerkarriere: „Dieses Schreiben ist das Destillat der Hunderte von Büchern, die ich gelesen habe. Mehr ist offenbar nicht dabei herausgekommen.“

Erleichterung bringen nur der Sex, bei dem sich Robert lebendig fühlt – und bewusstseinserweiternde Orgien. Blixa Bargeld, der ebenso wie Nick ­Cave in diesem Roman auftaucht, stellt ihm im „Risiko“, dem legendären Underground-Club in der Yorckstraße, einen Humpen voll mit Wodka hin: Genau richtig für einen, der mehr teilnehmender Beobachter als Teilnehmer ist.

„Mein Leben als Affenarsch“ ist ein sprachlich drastischer, im brutalen Rhythmus des Außenseiters geschriebener Bericht aus der Punkhölle des Negativismus, in der einbeinige Prostituierte auftauchen, Heroin-Junkies und ein Fötus, der plötzlich auf dem Fußboden liegt – die reine Horrorshow.

Am Ende will Robert seiner stets abwesenden Mutter ans Leder, aber die ist dann schon in der Klapse. Ein Trip in die Vergangenheit offenbart eine Illusion: Laura, die zauberhafte Lebensliebe, die Roehler so zärtlich in „Herkunft“ beschrieb, ist erloschen und arbeitet jetzt bei der Gemeinde in dem Ort der Jugendjahre.

Berlin ist anders, und so dreckig und kalt und aufregend, wie Roehler es in „Affenarsch“ beschreibt, wird es wohl dort gewesen sein, damals, als der Wedding nach Fäulnis und Verwesung stank.