Hamburg

Aus dem Gefängnis ultrareligiöser jüdischer Familien

Deutsch-israelisches Theater-projekt im Schauspielhaus frenetisch bejubelt

Hamburg. Wer in eine ultrareligiöse Familie hineingeboren wird, hat kaum eine Möglichkeit, ihr zu entkommen. Schließlich verliert man Familie, Freunde, Lebensstil, den fest ritualisierten Alltag, man muss erst lernen zu leben, wenn man die religiöse Gemeinschaft aufgibt.

Und man weiß nicht, was einen erwartet. „Out of Mea Shearim“ heißt ein deutsch-israelisches Theaterprojekt, bei dem Yulia Mestechkin und Evgeni Mestetschkin acht junge Menschen gefunden haben, die ihre strengen, ultraorthodoxen jüdischen Familien im abgeschotteten Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim verlassen haben, um ein eigenes Leben zu führen, oft nur ein paar Kilometer entfernt, aber in einer anderen Welt. Die Produktion, die erst vor wenigen Tagen in Israel Premiere hatte, kam am Wochenende zu einem frenetisch bejubelten Gastspiel in den Malersaal des Schauspielhauses.

Yulia Mestechkin hatte die fünf jungen Frauen und drei jungen Männer für ein journalistisches Projekt interviewt und dann beschlossen, ein dokumentarisches Theaterstück aus deren Lebenserzählungen zu machen. Eine tolle Idee, wie sich zeigt.

Die jungen Leute erzählen davon, dass sie neun oder 13 Geschwister haben, dass der Vater streng ist, dass die Mutter nie Liebe zu ihren Kindern gezeigt hat. Vater und Mutter erscheinen in diesen streng religiösen Haushalten wie Rachegötter. Angst, Schrecken, Furcht vor Strafe beherrschen das Leben. Es geht darum, die religiösen Regeln zu befolgen, die religiösen Feste zu feiern. Tagelang müssen die weiblichen Familienmitglieder dafür kochen und putzen. Fragen dürfen nie gestellt werden.

Die einzelnen Darsteller, Laien, erzählen lebendig und ergreifend ihre Geschichten, von früher Verheiratung, Sprechverbot oder Gruppenzwang. Mal versammelt Regisseur Evgeni Mestetschkin alle zu einer eng beieinander stehenden Gruppe, die nur im Gleichlauf kleine Schritte machen kann. Mal sitzt eine Frau auf einem Stuhl und erzählt, wie sie Jahre nach ihrem Ausbruch ihre Mutter in einem Bus wiedersieht und nicht ansprechen kann. Das Verlassen der Ordnung hinterlässt bei vielen Orientierungslosigkeit. Dort war alles geregelt, hier muss man sich täglich neu entscheiden. Ein sehr bewegender Abend.