Hamburg

Gelungene Opernreportage aus der Tretmühle eines Fahrradkuriers

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Hamburg.  Welcher Beruf taugt wohl am besten als Paradigma der modernen Arbeitswelt: Banker, Manager, PR-Berater? Steffen Pohl und Michael Maierhof finden in ihrer neuen Oper „Exit G“, die am Ostersonntag in der Opera stabile Premiere hatte, eine weitaus originellere und treffendere Antwort: der Fahrradkurier. Er tut von Berufs wegen, was allgemeines Schicksal ist: Er strampelt sich ab – und das letztlich vergebens.

Mit der Figur des Valentin ist dem Librettisten Steffen Pohl ein echter Wurf gelungen. Der spätpubertäre Held der Oper träumt seinen Traum von einem unentfremdeten Leben, während das alltägliche Leben an ihm vorbeizieht. Die Altersgenossen erwerben Wohneigentum, die Freundin hört die biologische Uhr ticken und meldet immer nachdrücklicher Ansprüche auf eine bürgerliche Existenz an. Doch Valentin, dem Pohl halb ernst, halb ironisch die gleiche Wirkung auf Tiere andichtet, wie sie der Heilige Franziskus gehabt haben soll, hetzt funkgesteuert von Auftrag zu Auftrag und fühlt sich gerade darin frei.

Der Komponist Michael Maierhof hat für diese Opernreportage aus der alltäglichen Tretmühle Klänge gefunden, die vor allem durch Verfremdung entstehen. Töne von Stimmen oder Klarinette werden durch Plastikbecher moduliert, Saiten von Cello und Klavier mit Schallzahnbürsten zum Schwingen gebracht. In dieser Geräuschcollage wirken die wenigen, natürlichen Töne wie kostbare Fundstücke und Inseln des Idealen. So wird in „Exit G“ zwar gesummt, aber kaum gesungen – für das, was sie zu sagen hätten, haben die Figuren selbst weder Töne noch Worte.

Vorangetrieben wird die Geschichte vor allem durch den Erzähler. Hier glänzte Alex Friedland als allgegenwärtiger und wandlungsfähiger Conférencier und Chronist in Personalunion. Und auch die Sänger Daniel Gloger (Valentin) und Frauke Aulbert (Caroline) überzeugten durch eine großartige darstellerische Leistung. Gerade weil den beiden Protagonisten ihr eigentliches Ausdrucksmittel, die Stimme, vom Komponisten weitgehend entzogen wurde, lebte die Inszenierung vor allem durch die kluge Personenführung der Regisseurin Isabel Osthues. Ganz in seinem Element war das Decoder Ensemble unter der Leitung von Christof M. Löser; Decoder bewährte sich einmal mehr als Hamburgs Spezialtruppe fürs Experimentelle.

Weitere Vorstellungen: 15./16./17. Mai

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