Literatur

"Eine Nacht und alles": Als Irene ihren Ehemann betrog

Katrin Seddig, Autorin, Mutter von zwei Kindern und drei Romanen

Foto: Patrick Piel

Katrin Seddig, Autorin, Mutter von zwei Kindern und drei Romanen

Die Hamburgerin Katrin Seddig erzählt in ihrem neuen Roman "Eine Nacht und alles" von Frauen, die sich finden wollen.

Hamburg.  "Eine Nacht und alles" ist auf jeden Fall ein Frauenroman. Er wird aus weiblicher Perspektive erzählt, er handelt fast nur von Frauen, von weiblichen Themen und Identitätsnöten – einerseits. Andererseits sind die Verhältnisse so, dass auch Nichtfrauen etwas mit dem Buch anfangen können. Es handelt sich um ein Befindlichkeitsbuch, und Befindlichkeiten haben ja auch Männer.

Wenn Katrin Seddig, Jahrgang 1969, schreibt, dann ist sie, wie man so sagt, nah am Leben. Das war bei den beiden Vorgängerbüchern so, bei "Runterkommen" und beim "Ehe­roman", mit denen sich die Hamburgerin einführte – als Liebesrealistin, die ein Faible für die Außenseiter, den Trotz und den Kitsch hat, wenn er sich so gut verkleidet, dass er als Kitsch nicht zu erkennen ist. "Eine Nacht und alles" zum Beispiel hat ein sehr schönes, beruhigendes, versöhnliches Ende, das an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird.

Das Buch dreht sich um weibliche Selbstbestimmung und Mutterschaft

Der Roman ist auch, auf unterhaltsame Weise, eine Studie über die Beziehungen, wie Mann und Frau sie führen, und über die Träume, die darüber ­irgendwann verloren gehen. Er dreht sich vor allem um weibliche Selbstbestimmung und Mutterschaft – erzählt wird das alles in einer hin und her wogenden Geschichte mit allen Ingredienzien einer Seifenoper, die insgesamt aber gar nichts Vorabendliches hat, denn dafür sind die Charaktere zu speziell.

Eine Anfangsvierzigerin mit dem schönen, altmodischen Namen Irene hat nach einem Abend in einer Hamburger Bar sehr befriedigenden Sex. Allerdings nicht mit ihrem Mann Per, sondern einem rätselhaften Fremden, dessen Namen ihr zunächst gar nicht mehr gewärtig ist, als sie in der Wohnung aufwacht, die nicht ihre ist. Valentin heißt er, wie ihr später eine ihrer Freundinnen steckt. Hormonell bedingte Gedächtnisaussetzer hin oder her, Irene ist mächtig durcheinander – und ist damit nicht die einzige.

Was sich in Folge der schicksalsmächtigen Nacht entwickelt, ist ein Zustand der Unruhe, der quasi jeden Beteiligten und vor allem jede Beteiligte erfasst. Katrin Seddigs Figuren stellen sich um den Preis des Komforts, der in der Harmonie in den Beziehungen liegt, dem Selbstbetrug entgegen. Zumindest so weit das eben geht, denn ganz ohne Selbstbetrug kann niemand leben außer der Eremit. So wird "Eine Nacht und alles" zum gefühlsnervösen Fanal gegen die Rollenvorschreibungen und die Langeweile, die sich einstellt, wenn alles immer gleich bleibt.

Irene ist also etwas notgeil – normal nach einer langjährigen Ehe? Ihre Schwester im Geiste begegnete dem Leser zuletzt erst in Sibylle Bergs Ehebruchs-Groteske "Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand"; bei Seddig gibt es jedoch keinen Zynismus, sondern nur die Lust an der Abseitigkeit, die etwas allgemein Menschliches ist: Irenes Tochter Esther, ein schweres Mädchen in der verlängerten Trotzphase, hat es in eine hessische Nudisten-WG verschlagen. Im Nachbarhaus lebt, ein Zufall, der Jugendfreund ­Irenes. Er ist psychisch durchaus auffällig, hat als Landlust-Verkäufer mit Bauernhöfen im Angebot aber im Gegensatz zu Irenes Findelkind Yasemine schon etwas vorzuweisen.

Diese Yasemine, die Irene an der Raststätte aufliest, muss in ihrer jugendlichen Null-Peilung-Mattigkeit für Irene und ihre Drama-Freundinnen Sarah und Patrizia als Ersatztochter herhalten. Wie gesagt, es geht in "Eine Nacht und alles" auch um die Kinderfrage – in einer von Katrin Seddig (selbst Mutter von zwei Kindern) bemerkenswert tief schürfenden Spurensuche nach dem maternalen Prinzip. Die studierte Philosophin zieht in ihre sehr flott und mit vielen Dialogen erzählte Geschichte von Irenes konfusem Leben eine kleine Horrorstory ein, die von einer weggesperrten Lehrerin und einer Babyleiche im Wald handelt – die Vergangenheit ist ein Schauerstück aus Brandenburg.

Hessen, Brandenburg, Hamburg: ein geografisches Handlungsdreieck

Von dort stammt, wie ihre Erfinderin Seddig, die Heldin, und dorthin zieht es sie zwecks Bewältigung des traumatischen Erlebnisses zurück. Hessen, Brandenburg, Hamburg: Es ist ein geografisches Handlungsdreieck, in dem vor allem immerzu geredet wird. Am meisten tut dies Irene selbst, die ihr Dasein in der Konfrontation mit der sich emanzipierenden richtigen Tochter, der zugelaufenen Behelfstochter, den unglücklichen Freundinnen, dem Ehemann und dem Liebhaber aus­einandernimmt und wieder neu zusammensetzt. "Niemand will über das reden, was groß ist, damit es nicht kleiner wird", heißt es einmal. Und trotzdem geht es hier nicht nur rhetorisch immer um alles.

Soll Irene nun Per verlassen oder nicht? Als Leser ist man unbedingt auf der Seite des Betrogenen – zumal als männlicher Leser. Katrin Seddigs Erzählweise ist ernst und vergnüglich zugleich. Die Lakonie ihrer Sätze ist ganz herrlich – nur manchmal hätte man ihr den Mut zur Straffung der Gesamtkonstruktion gewünscht.

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