Film

„Man muss was machen. Bald und radikal“

Georg Elser (Christian Friedel, Mitte) skizziert den Gestapo-Männern,
die ihn verhören (Burghart Klaußner und Johann von Bülow, v. l.), seine Bombe

Georg Elser (Christian Friedel, Mitte) skizziert den Gestapo-Männern, die ihn verhören (Burghart Klaußner und Johann von Bülow, v. l.), seine Bombe

Foto: Lucky Bird Pictures

Oliver Hirschbiegel hat nach „Der Untergang“ wieder einen Film aus der Nazizeit gedreht. „Elser“ erzählt eine Widerstandsgeschichte

Hamburg.  Am 8. November 1939 fällt an der deutschen Grenze zur Schweiz ein Mann auf. Der Tischler Georg Elser benimmt sich verdächtig, er hat Sprengzünder bei sich und eine Karte des Münchner Bürgerbräu-
kellers. Dort explodiert wenig später eine Bombe. Sie gilt Adolf Hitler, der wie jedes Jahr an diesem Tag dort spricht, um an seinen Putschversuch aus dem Jahr 1923 zu erinnern. Acht Menschen sterben bei dem Attentat. Hitler nicht. Der Diktator hat 13 Minuten vorher das Lokal verlassen.

Ganz einfach „Elser“ heißt der neue Film von Oliver Hirschbiegel, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Er erzählt auf anschaulich-hintergründige Weise die Geschichte eines einfachen Mannes, der hellsichtig die Gefahr von Hitlers Politik erkannte. „Man muss was machen. Und zwar bald und radikal. Direkt gegen die Führung. Irgendjemand muss den Wahnsinn doch aufhalten“, sagt Elser im Film. Anders als die Widerstandskämpfer der Weißen Rose um Sophie Scholl oder die Attentäter vom 20. Juli 1944 um Claus Schenck Graf Stauffenberg blieben Elser und sein Handeln bisher relativ unbekannt.

Produzent Boris Ausserer, ein Mann mit französischen Wurzeln, konnte das nicht verstehen. Er stellte dieses Filmprojekt auf die Beine. Ein ursprünglich vorgesehener Regisseur musste aus persönlichen Gründen absagen, also fragte man Hirschbiegel, der sich schon mit „Der Untergang“ einen Namen mit der Inszenierung von NS-Geschichte gemacht hatte. Der, sagt er selbst, wollte eigentlich gar nicht, hatte andere Pläne, dachte wohl auch: nicht schon wieder das Thema. „Aber dann habe ich angefangen das Drehbuch zu lesen. Nach zehn Seiten war ich bereits so intensiv drin, dass ich bis zum Ende durchgelesen habe. Wenn ich mir schon beim Lesen Notizen mache und Bilder vor meinem geistigen Auge sehe, ist das ein ‚Alarmzeichen’.“ So kam es, dass der Hamburger Regisseur, der zwischen seiner Heimatstadt, London und Wien pendelt, zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder einen deutschen Kinofilm inszenierte.

Für Hirschbiegel war Elser kein Unbekannter. Als Kind ging er oft in die Bücherhallen in den Grindel-Hochhäusern. Dort pirschte er sich immer wieder in die Erwachsenen-Abteilung, weil ihn ein Bildband über den Zweiten Weltkrieg faszinierte. „Meine Mutter hat mich wieder weggezogen, aber die Bilder von den Leichenbergen haben mich immer verfolgt. Das hat bei meinem Bruder und mir eine lebenslange Recherche über das Dritte Reich ausgelöst.“

Während der Recherche begegnete ihm auch Elser, der lange lediglich als schizophrener Sonderling galt. Hirschbiegel glaubte das nicht. „Als ich die brillant gebaute Bombe sah, war mir klar, dass er kein Spinner war.“ So ähnlich muss wohl auch Klaus Maria Brandauer empfunden haben, der 1989 den Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ drehte und selbst die Hauptrolle übernahm. Allerdings fehlten ihm noch einige wichtige Hintergrundinformationen, Fotos und Zeugenaussagen.

Gedreht hat Hirschbiegel auch auf der Schwäbischen Alb mit Bauern von dort

Elser (Christian Friedel) wird vom Kripochef Nebe (Burghart Klaußner) und Gestapochef Müller (Johann von Bülow) tagelang verhört und gefoltert. Sie wollen von ihm die Hintermänner wissen. Aber die gibt es nicht, er hat auf eigene Faust gehandelt, denn er ist fest davon überzeugt, dass Hitler Deutschland ins Unglück stürzen wird. Er wird im KZ Dachau inhaftiert. Die Gestapo-Verhörprotokolle waren für das Drehbuch von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer Basis für die Dialoge. Besonders interessiert hat den Regisseur auch, wie die sonst oft eher als städtisches Phänomen dargestellten Nationalsozialisten das ländliche Leben übernahmen und für ihre Zwecke instrumentalisierten. Elser kam von der Schwäbischen Alb. „Diese Szenen haben mich im guten Sinn an den Heimatfilm erinnert.“ Gedreht hat er vor Ort mit Bauern aus der Region als Komparsen.

Nach dem Ende der Dreharbeiten, als er im Schnitt saß, holten den Regisseur die Was-wäre-wenn-Gedanken wieder ein. Was wäre passiert, wenn das Attentat geglückt wäre? „Vielleicht hätten die Nazis Frankreich dennoch angegriffen. Die revanchistischen Strömungen in der Wehrmacht waren wohl zu stark, um das nicht zu tun.“ Nicht nur Hitler, sondern auch die fast vollständig anwesende NSDAP-Führungselite hätte beim Attentat sterben können. „Es wäre niemals zum Holocaust gekommen. Dieser komplett wahnsinnige Russland-Feldzug hätte nie stattgefunden. Elser hätte 55 Millionen Menschenleben retten können. Wenn man überlegt, was ein Mann bewirken kann, wird einem schon schwindelig.“

Die Gefahr, die von Hitler ausging, hätten insbesondere Akademiker erkannt, sagt Hirschbiegel und erwähnt Sebastian Haffner. Viele von ihnen seien aber ins Ausland gegangen. „Der, der allein ist, der keine Lobby hat und in dem Ruf steht, ein Kommunist zu sein, der handelt am Ende. Das ist eigentlich ein peinlicher Fleck auf dem Gewissen und zugleich ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage. Elser steht eigentlich in direkter Linie mit einem Edward Snowden.“

„Elser“ erlebte seine Deutschland-Premiere auf der Berlinale und erhielt dort viel Applaus. Schon vorher war der Film in zahlreiche Länder verkauft worden. Doppelte Genugtuung für den Regisseur, dem einige ankreideten, „Der Untergang“ habe eigentlich keine Einstellung zum Nationalsozialismus. Das wird man Hirschbiegel nach diesem Film nicht vorwerfen. Nach dem Liebesdrama „Diana“, das vor zwei Jahren insbesondere in Großbritannien durchfiel, kommt solch ein Erfolg jetzt gerade recht.

Hirschbiegel, der seine Karriere mit experimentellen Fernsehfilmen startete und unter anderem 15 Folgen der Serie „Kommissar Rex“ inszenierte, kehrt derweil zu diesem Medium zurück. Nachdem ihm dort schon vor vier Jahren der historische Mehrteiler „Borgia“ gelang, arbeitet er jetzt gerade an einem TV-Sechsteiler.

Eine Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele traut sich der Regisseur zu

Mit großem Interesse verfolgt Oliver Hirschbiegel auch die Olympia-Bewerbung Hamburgs unter der Maßgabe der Nachhaltigkeit. „Understatement zu zeigen und den Ball flach zu halten, das können wir, das ist genetisch drin bei uns.“ Und wie wäre es im Erfolgsfall mit der Inszenierung der Eröffnungsfeier? Der britische Kollege Danny Boyle hat in London gezeigt, was da alles möglich ist, inklusive eines unterhaltsamen Gangs durch die britische Historie. „Das war genial“, erkennt er an. „Das nachzumachen und auf die deutsche Geschichte anzuwenden, wäre die Lösung. Wir haben da ja auch einige Meilensteine auf unserem Weg liegen. Das würde ich mir schon zutrauen.“

Oliver Hirschbiegel kommt am Ostermontag mit seinen Schauspielern Christian Friedel und Burghart Klaußner zu den Hamburg-Premieren von „Elser“ um 17.30 Uhr in die Koralle und um 20 Uhr ins Abaton. Am Donnerstag startet der Film regulär in den Kinos