Berlin

Helmut Kohl über die Höhen und Tiefpunkte des Lebens

Der NDR nennt es das „letzte große TV-Interview“ des Altkanzlers

Berlin. Er spricht von „barbarischsten Erinnerungen“, „linkem Pöbel“ oder auch von einer „ganz furchtbaren Zeit“. Helmut Kohl sitzt in seinem Haus in Oggersheim, im Hintergrund eine Fotografie seiner Frau Hannelore, viele Bücher, ein Kronleuchter. Es ist das Jahr 2003, und der Altkanzler führt über vier Tage Gespräche mit den Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz. Noch im selben Jahr wird die NDR-Dokumentation „Helmut Kohl – ein deutscher Kanzler“ veröffentlicht. Und nun, erst zwölf Jahre später, das ganze Interview. Anlässlich seines 85. Geburtstag am 3. April.

Das Interview zeigt Helmut Kohl angriffslustig und von sich überzeugt

Die Sendung ist in zwei Teilen im Ersten zu sehen. Der erste Teil läuft in der Nacht zu Mittwoch um 0.20 Uhr, der zweite Teil in der Nacht zu Donnerstag zur gleichen Uhrzeit.

Sechs Stunden dauert das Stück. In der vergangenen Woche präsentierte der NDR im Zeughaus-Kino in Berlin einen 90-minütigen, kurzweiligen Ausschnitt.

Seit einem Sturz, bei dem er 2008 ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, kann der langjährige CDU-Vorsitzende nur noch schwer sprechen. Der NDR nennt den Film „das letzte große Fernsehinterview Kohls“. Es zeigt den gewichtigen großen Mann, wie ihn die Bürger kennen. Angriffslustig und mit einer Wortwahl, wie man es sich bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nie vorstellen könnte. Von sich überzeugt, hart im Austeilen (hier gegen die CDU-Politiker Rita Süssmuth, Norbert Blüm, Heiner Geißler und Richard von Weizsäcker), und dann wieder emotional und gerührt.

Es spricht ein starker Kohl über Höhen und Tiefen, vom Putschversuch gegen ihn als CDU-Chef beim Bremer Parteitag 1989 (die barbarischsten Erfahrungen) über das Pfeifkonzert gegen ihn in Berlin-Schöneberg kurz nach dem Mauerfall (der linke Pöbel) bis zum Freitod seiner Frau 2001, die an einer unheilbaren Lichtallergie litt (die ganz furchtbare Zeit). Sein eigenes gesundheitliches Leiden und Leben im Rollstuhl, seine zweite Ehe, das Zerwürfnis mit seinen beiden Söhnen, der Rechtsstreit mit einem Ghostwriter sind da noch in weiter Ferne.

Die Zuschauer sehen einen Helmut Kohl, der jede Stunde des Parteitags 1989 abrufen kann und schildert, wie er trotz furchtbarer Schmerzen nach Bremen fährt, um nicht den Eindruck der Angst vor den eigenen Leuten zu erwecken. Die Schmerzen rührten von einem „urologischen Stau“, der nur mit einem „Schlauchanschluss“ für die Zeit des Kongresses zu überstehen ist, wie Kohl erzählt. Er übersteht auch die Revolte der Truppe um Lothar Späth. Die Grenzöffnung in Ungarn parallel zum Presseabend hilft ihm dabei.

Kohl erklärt, er habe 1996/97 als Bundeskanzler zurücktreten wollen: „Ich glaubte, 14 Jahre waren genug. Ich hatte genug geschafft.“ Er wollte den Weg frei machen für Wolfgang Schäuble – doch dann rückte die Euro-Einführung näher und er sah sich als einzigen Garant dafür, die knappe Mehrheit der damaligen schwarz-gelben Koalition zu sichern. „Ich bin davon ausgegangen, ich muss es durchsetzen“, sagt Kohl. Die Betonung liegt auf ich“. Er habe befürchtet, ein Nachfolger könne die Reihen nicht schließen.

„Helmut Kohl – das Interview“Mi, und Do, jeweils 0.20 Uhr, ARD