Vom Pathos befreit

Freundlicher Beifall für „Pastor Ephraim Magnus“

Die Schauspieler Kathrin Wehlisch und Aljoscha Stadelmann spielen bei "Pastor Ephraim Magnus" auf der Bühne des Deutschen Schauspielhaus mit

Die Schauspieler Kathrin Wehlisch und Aljoscha Stadelmann spielen bei "Pastor Ephraim Magnus" auf der Bühne des Deutschen Schauspielhaus mit

Foto: Markus Scholz / dpa

Frank Castorf inszeniert Hans Henny Jahnns „Pastor Ephraim Magnus“ am Schauspielhaus und erhält freundlichen Beifall vom Publikum.

Hamburg. Die Buhrufe, die Frank Castorf sich gewünscht hat, bleiben aus. Seine Inszenierung von Hans Henny Jahnns Frühwerk „Pastor Ephraim Magnus“ liefert keinen Theaterskandal. Im Gegenteil. Das Premierenpublikum spendet dem Regisseur und dem Ensemble freundlichen Beifall, in den sich sogar ein paar „Bravo“-Rufe mischen. Allerdings haben sich die Reihen im Deutschen Schauspielhaus schon etwas gelichtet, als die Schauspieler sich kurz nach Mitternacht an der Rampe verbeugen. Eine fünfstündige Aufführung mit einem Text, der höchster Konzentration bedarf, überfordert vielleicht doch den einen oder anderen an einem Wochentag.

An der Inszenierung kann es kaum gelegen haben, denn die ist bis auf den mäandernden Schluss weitgehend tadellos. Dass die lautstarke Empörung über das Gesehene ausbleibt, hängt sicher auch mit dem relativ unbekannten Stück zusammen. Nur dreimal ist „Pastor Ephraim Magnus“ seit der Uraufführung 1923 gespielt worden. Erwartungen kann Castorf nicht enttäuschen, denn es gibt keine.

Viele Inszenierungen sogenannter Post-Dramatik benötigen kaum noch Kulissen, Castorf dagegen hat sich von Aleksandar Denic ein wuchtiges Bühnenbild konstruieren lassen. Ein pastorales Wohnzimmer mit Kamin und Bibliothek gehört ebenso dazu wie eine von flackernden Kerzen beleuchtete Orgel, Kirchensäulen, der Potsdamer Garnisonskirche nachempfunden, eine mittelalterliche Streckbank und ein Gefrierschrank voller Coca-Cola-Flaschen.

Die Drehbühne rotiert, doch gespielt wird oft abseits des Zuschauerraumes. Das Geschehen wird auf Videoleinwände übertragen, ein Ver-fahren, das Castorf häufig anwendet. Ganz dicht rücken die Kameras den Schauspielern auf den Leib, zeigen Gesichter, nackte Bäuche und Brüste in Großaufnahme. Gut, dass es auch eine Reihe von Szenen gibt, die vorne an der Rampe gespielt werden, und das Drama nicht nur als Videoabend abläuft.

Postpubertär wirkende Suche nach Gott

Gemütlich machen kann man es sich angesichts der pathetisch-mons­trösen Sprache von Jahnn jedoch nicht. Sein Text ist viel drastischer als das, was Castorf und seine Schauspieler zeigen können. Der alte Pastor Magnus (Josef Ostendorf) verflucht Gott in seinem Sterbenskampf. Ostendorf zeigt ihn als einen lebend Verwesenden. Sein kranker aufgedunsener Körper ist das Gegenteil von Jahnns jugendlichem Schönheitsideal.

„Pastor Ephraim Magnus“, von Jahnn während des Ersten Weltkriegs in seinem norwegischen Exil geschrieben, ist eine manchmal postpubertär wirkende Suche nach Gott und nach unbedingter Liebe abseits aller Konventionen und Normen. Jakob, Magnus’ unehelicher Sohn (Samuel Weiss), wird darüber zum Frauenmörder, Ephraim (Christoph Luser) sucht jesusgleich Sinn durch die Qual. Er lässt sich von seiner Schwester Johanna (Jeanne Balibar) kreuzigen, blenden und kas­trieren, sie treibt sich einen glühenden Stab in den Unterleib. Auf der Bühne werden diese Szenen nur angedeutet, die Inszenierung muss hinter Jahnns drastischer Darstellung von Qual und Lust zurückbleiben.

Jahnns Drama wirkt beim Lesen in seinem pathetischen Ton völlig humorfrei, doch Castorf bricht diese Tonlage immer wieder auf. Samuel Weiss als Jakob tritt in Nazi-Uniform mit kurzen Hosen auf und ahmt Hitlers typische Sprechweise nach. Diese Szene verdeutlicht den Irrsinn, in den er immer weiter abdriftet und der damit endet, dass er eine Frau aufschneidet und ausweidet, weil er in dem toten Körper nach ihrer Seele sucht. Auch die folgende Partyszene treibt Castorf auf die Spitze. Als Höhepunkt sperrt Partygast Andreas (Aljoscha Stadelmann) Johanna in den mannshohen Kühlschrank, bespritzt sie mit einer Flasche Limonade, um später „eine schöne, kühle Cola lecken“ zu können.

Vom pathetischen Ton befreit

Trotz dieser Freiheiten der Inszenierung bleibt Castorf ziemlich eng an der Vorlage. Es gibt ein paar Zitate von seinen Lieblingsautoren wie Georges Bataille, Jimi Hendrix’ Adaption der amerikanischen Nationalhymne kreischt kurz auf, und auch die Elbphilharmonie taucht als aktuelle Anspielung auf. Der millionenteure Prachtbau wäre sicher ein Bauwerk in Jahnns Sinne gewesen, schon der großen Orgel wegen. Denn Jahnn war nicht nur Dramatiker und Schriftsteller, sondern auch Orgelbauer, Musikverleger, Baumeister, Tierzüchter.

Auch wenn die Souffleuse an diesem Abend eine Menge zu tun hat, um den Schauspielern bei den umfänglichen und schwierigen Textmengen zu helfen, gebührt jedem der Akteure großes Lob. Sie haben Jahnns Drama von dem pathetischen Ton befreit und machen die Auseinandersetzung mit seinen Themen wie der Angst vor dem Verwesen, die Greuel vor Kriegen, seinen ungewöhnlichen Vorstellungen von Moral und Sexualität überhaupt erst möglich. Aus der Riege der Schauspieler ragen Josef Ostendorf, Carlos Ljubek als Paul und Samuel Weiss heraus. Weiss bringt schon Jahnn-Erfahrung mit, vor ein paar Jahren stand er als Richard III. auf der Bühne des Schauspielhauses.

Intendantin Karin Beier ist es zu verdanken, dass dieses fast vergessene, eigentlich als unspielbar geltende Stück aus der Versenkung hervorgeholt worden ist; sie hatte den Mut, „Pastor Ephraim Magnus“ auf den Spielplan zu setzen. Es lohnt sich, das Werk des einzigartigen Hamburger Künstlers Jahnn genauer zu betrachten. Castorf hat sich in seiner Bearbeitung ernsthaft mit Jahnns Totentanz und seinen Abgründen auseinandergesetzt und gezeigt, dass es nicht „in den Giftschrank der Menschheit gehört“, wie der Kritiker Julius Bab in den 20er-Jahren geschrieben hat. Deshalb gab es Beifall statt Buhrufen. Zu Recht.