Hamburg

Mysterienspiel in der Kirche

Hamburg. Die kleine Werkeinführung fand bei empfindlicher Außentemperatur im Freien statt, draußen vor der Kulturkirche Altona. Doch als Provisorium war der für eine Diplominszenierung des Studiengangs Musiktheaterregie so ungewohnte Ort mitnichten zu verstehen. Selbst wenn das Forum der Hochschule benutzbar gewesen wäre (was es wegen der Grundrenovierung des Gebäudes derzeit nicht ist): Benjamin Brittens „Curlew River“ gehört unbedingt in eine Kirche. Und die Regisseurin Rahel Thiel fand mit ihrem Team (Bühne: Frederike Malke, Kostüm: Imke Ludwig) ebenso praktikable wie überzeugend schlichte Lösungen für die 1964 nach mehreren Asienaufenthalten Brittens entstandene, zwischen Ost und West faszinierend changierende “Parabel zur Aufführung in der Kirche“.

Das Mysterienspiel verschränkt gregorianischen Gesang mit der sacht verschwimmenden, irisierenden Klangsprache des indonesischen Gamelan und japanischer ritueller Musik, wobei die sieben Musiker ausschließlich abendländische Instrumente wie Harfe, Orgel, Horn oder Flöte spielen. Weil Curlew der englische Begriff für Brachvogel ist, stecken nahezu alle Beteiligten unter vogelkopfhaft anmutenden Filzkapuzen und in dunklen, an Mönchskutten gemahnenden Gewändern. Die Sänger des Kammerchors, von einem mit blitzenden Augen etwas diabolisch den Saal scannenden Abt (vorzüglich: Tim Maas) angeführt, rucken immer wieder entrückt mit ihren Hälsen und Köpfen, was die Männer ähnlich scheinverrückt wirken lässt wie die rätselhafte Hauptfigur, die Madwoman, die in der vom Librettisten William Plomer nach einer japanischen Vorlage erzählten Geschichte am Verlust ihres zwölfjährigen Sohns irre geworden scheint. Mit seinem feinen, an Zwischentönen reichen Tenor gibt Michael J. Connaire der verzweifelten Mutter berührende Präsenz.

Der Fährmann (imponierend und stark: Andreas Heinemeyer) soll sie über den Fluss der Brachvögel bringen, am anderen Ufer findet eine Totenfeier statt. Wem sie gilt, spricht sie ahnungsvoll lautlos mit, als sie auf dem Fluss davon erfährt. Als Seelenklang gewordene Gestalt begleitet die Querflötistin (Francesca Gebauer) die Madwoman.

Musik und Szenerie senden einen rituell gebändigten Schmerz aus. Rahel Thiel hat ihn subtil und genau inszeniert. Auch die Gesangspassagen sind allerbester Britten. Hingehen, läuft nur noch an diesem Sonnabend.

Aufführung: