Literatur

Hinter der Utopie lauert der reine Wahnsinn

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Der packende Roman des Schriftstellers T. C. Boyle „Hart auf hart“ beleuchtet einen Rand der US-amerikanischen Gesellschaft. Hier wird die Regierung abgelehnt und der Aufstand geprobt.

„Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen.“. Dieses Zitat von D. H. Lawrence stellt T. C. Boyle seinem neuen Roman „Hart auf hart“ voran. Und tatsächlich geht es hier auf 400 Seiten um Mord und Einzelgängertum, um die Härte gegen sich selbst und andere.

Sten, Ex-Marine und Ex-Schulleiter, könnte als Mörder gelten, nachdem er beim Urlaub in Costa Rica einen Straßenräuber getötet hat. Als Notwehr geht seine Reaktion jedenfalls kaum durch. Doch Sten wird gefeiert, kaum ist er mit seiner Frau Carolee zurück im nordkalifornischen Mendocino. Er hat es „denen gezeigt“, er war kein Opfer. Dass es irgendwo Eltern gibt, die jetzt um ihren Sohn weinen, geht ihm später kurz durch den Sinn, doch dann hat ihn gleich das eigene Leben wieder fest an der Kandare. Der Rentner und seine Frau sind leidgeprüft: Sohn Adam, Mitte 20, war schon als Kind schwierig, aber jetzt ist er völlig durchgedreht. Er träumt sich in die Abenteuer des legendären Trappers John Colter hinein, lässt sich mit dessen Namen anreden und taucht immer wieder in die nahen Wälder ab. Alkohol und selbst angebaute Drogen nähren seine Psychose noch, er fühlt sich verfolgt, wird zunehmend unberechenbarer.

Sein einziger Halt ist die gut 15 Jahre ältere Sara, die einer Art rechts-anarchistischer Bewegung anhängt. An die Gesetzes des Landes fühlt sie sich nicht gebunden, die Regierung ist ihrer Ansicht nach des Teufels. Als ein Polizist sie anhält, weil sie unangeschnallt Auto fährt, weigert sie sich auszusteigen und den Führerschein zu zeigen. „Sie haben hier nichts zu sagen“, herrscht sie den Officer an. „Für mich sind sie bloß irgendein Mann in Halloweenverkleidung.“ Klar, dass das nicht gut ausgeht.

Aber in Adam, so er denn zwischendurch einigermaßen bei Verstand ist, findet Sara einen Gleichgesinnten. Und einen Mann fürs Bett. Die „korrupte Gesellschaft“ solle zusammenbrechen, träumen beide und sind doch ganz im eigenen Drama gefangen. Das spitzt sich zu, als Adam im Wahn erst einen Mann ermordet und dann noch einen. Eine Hetzjagd beginnt, an der sich auch Adams Vater beteiligt – freilich ohne zu wissen, dass es sein Sohn ist, der ja gejagt wird.

„Hart auf hart“, zugleich fesselnder Thriller und beklemmendes Zeitbild, beleuchtet einen in den USA durchaus relevanten gesellschaftlichen Rand, an dem der Hass auf die Regierenden sich mit abstrusen Verschwörungstheorien mischt. Gerade Barack Obama hat mit seinen vermeintlich freiheitsräuberischen Ideen wie die einer allgemeinen Krankenversicherungspflicht für erhebliche Wut gesorgt. Gewalt erscheint da so manchem als probates Mittel, um sich der Fesseln des Systems zu entledigen. Der Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh sei vielleicht etwas zu weit gegangen, konstatiert Sara angesichts der 168 Toten, die sein Anschlag auf ein Bundesgebäude 1995 forderte. Doch im Prinzip sei er im Recht gewesen, seine Handlung eine Art Notwehr gegen den Staatsterrorismus.

Boyle hinterfragt diese Gedankengänge nicht, er stellt sie aus. Und zeigt en passant, dass jene, die sich immer weiter radikalisieren, grundsätzlichen Denkfehlern unterliegen. Wo würde etwa Adams Darmkrankheit behandelt, wenn es kein staatlich finanziertes Krankenhaus mit Notfallambulanz gäbe? Auf welchem Highway sollte Sara fahren, würde nur gebaut, was jeder für sich selbst braucht?

Diskutiert wird dies indes nicht, und auch die Frage, warum seine Protagonisten wurden, wie sie sind, interessiert Boyle nur am Rande. Saras Fantasien von einer Gesellschaft, die auf Tauschhandel basiert und in der ansonsten jeder tun und lassen kann, was er will, sind reine Romantik. Und klingen übrigens gar nicht fremd. Ihr Wunsch nach einem einfachen Leben, nach Respekt gegenüber der Natur, nach gesunder Ernährung ist nachvollziehbar. „Es war ein Essen, wie Sara es liebte: ohne Chemie, ohne Farbstoffe, Geschmacksverstärker oder (das war am schlimmsten) Fructose, sondern einfache, unverfälschte Lebensmittel...“. schreibt Boyle. Wer wäre bei diesem Essen nicht gerne dabei?

Umso drastischer, dass hinter der Utopie-Idylle ein brutaler Wahnsinn lauert.