Abaton-Kino

Vom Filmvirus befallen: Dieser Mann ist ganz großes Kino

Foto: Juergen Joost

Seit einem Vierteljahrhundert ist Matthias Elwardt Programmchef des renommierten Abaton-Kinos im Hamburger Univiertel. Was treibt ihn an?

Hamburg. 1990 war das Jahr, in dem Michail Gorbatschow zum Präsidenten der UdSSR gewählt wurde und der Pyramiden-Hundswurz Orchidee des Jahres war. Deutschland holte sich den dritten Stern und gewann in Italien die Fußball-Weltmeisterschaft, und Matthias Elwardt trat seinen neuen Job an. Seit 25 Jahren – so lange halten viele Ehen nicht – ist er für das Programm im Abaton zuständig, eines der besten Kinos in dieser Republik.

Der gebürtige Lübecker wurde am Gymnasium in Ratzeburg, dessen Schulsprecher er auch war, mit dem Filmvirus infiziert. Er machte in der von seinem Mathelehrer geleiteten Film-AG mit. Zwar studierte er nach dem Abitur in Hamburg Betriebswirtschaft, nebenbei besuchte er aber Filmkurse an der Uni, die Filme dazu liefen im Abaton. Irgendwann meldete er sich dann in diesem Kino, weil man dort einen Tonsteuerer brauchte. Das brachte ihm zwar kein Geld ein, aber freien Eintritt. So konnte er „Der Tee im Harem des Archimedes“ gleich dreimal hintereinander sehen.

Für ein Jahr ging er zum Auslandsstudium nach Irland und brachte von dort die Idee zum „Bloomsday“ mit, die den Kinobetreibern sehr gut gefiel. Seit 1988 gibt es im Abaton schon diese Veranstaltung, eine Kombination aus Kulinarischem und Kino, die sich an James Joyces Roman „Ulysses“ anlehnt.

Als Elwardt seinen Job antrat, begann gerade der Boom der Multiplexe. Seitdem hat sich die Kinolandschaft in Hamburg geändert. Der Ufa-Palast, das Streit’s und das Grindel wurden dichtgemacht, das Passage geschlossen und wieder eröffnet.

1993 bekam das Abaton seinen dritten Saal dazu. Das Kino hat heute eine Kapazität von 524 Plätzen und ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet. An 364 Tagen gibt es nachmittags einen Kinderfilm. Mehr als 200 Premieren wurden im vergangenen Jahr gezeigt. 70 Prozent des Programms besteht aus europäischen Filmen. Und die Auswahl ist bestimmt nicht leichter geworden. In Deutschland kamen im Jahr 2003 noch 300 Filme pro Jahr ins Kino, zurzeit liegt die Zahl eher bei 700. Besonders stolz ist Matthias Elwardt auf die Sonderveranstaltungen, viele davon mit prominenten oder anderen Gästen. Als etwa der Beatles-Film „Help“ von Richard Lester wieder aufgeführt wurde, spielte im Rahmenprogramm eine ganz besondere Hamburger Supergroup: Die Bietels. Sie bestanden aus Olli Dittrich, Jon Flemming Olsen und Stephan Zacharias.

Mario Adorf war kürzlich da, als er bei einem der seltenen Aufführungen von TV-Filmen sein „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ begleitete. Einige der Gäste sind wahre Wiederholungstäter. Fatih Akins Werk wird seit seinem ersten Kurzfilm im Abaton gezeigt. Sebastian Schipper begleitete seinen Hamburg-Klassiker „Absolute Giganten“ mehrfach auf Einladung des Programmmachers. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Eine „Ahnengalerie“ ist auf den Fotos an den Wänden verewigt.

Film-Quiz und „Ein Abend mit...“ besonders beliebt

Beliebte Reihen sind das Film-Quiz und „Ein Abend mit...“, in dem mehrere Filme zu einer Person oder einem Thema gebündelt werden. Beim Hamburger Filmquiz können Cinephile ihr Expertentum auf die Probe stellen. Vor zwei Jahren stellte das Kino von analoge auf digitale Projektionstechnik um. „Das hat sich eindeutig bewährt“, sagt Elwardt. Auch die Lagerung habe das vereinfacht. 150 Filme hat das Kino zurzeit vorrätig.

Im abgelaufenen Jahr kamen 244.000 Zuschauer in das Haus am Allende-Platz. Elwardts erfolgreiche Programmgestaltung hat sich auch außerhalb Hamburgs herumgesprochen. Seit 2000 sitzt er in dem Gremium, das mit Dieter Kosslick die Filme für den Wettbewerb der Berlinale aussucht. Seit 2009 gestaltet er außerdem die Reihe „Berlinale goes Kiez“, in der Wettbewerbsfilme auch jenseits der Kinos am Potsdamer Platz gezeigt werden.

Wie fällt das Fazit das Programmmachers nach 25 Jahren aus? „Wichtig sind vor allem gute Filme“, sagt Elwardt. „Es ist zwar heute viel mehr Geld für sie da, aber sie werden leider nicht besser.“ Ein Kino wie das Abaton brauche Werke wie „Sommer vorm Balkon“, „Oh Boy“ oder „Die Kriegerin“. Zu den erfolgreichsten Filmen in jüngster Zeit zählen Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“, Anton Corbijns „A Most Wanted Man“ und Fatih Akins „Soul Kitchen“. „Eine gute Filmauswahl ist ein Antriebsmotor. Im Kino kriegt man sie dann alle. Es ist auch immer noch einer der besten Plätze für ein Date.“

Programm: www.abaton.de