Theater

Kafka: „Ich, das Ungeziefer“ hat im Schauspielhaus Premiere

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Armgard Seegers

Foto: Roland Magunia

Regisseur Viktor Bodó inszeniert „Ich, das Ungeziefer“ nach Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Das Stück hat im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses Premiere. Warum es keine Käfer-Kostüme geben wird.

Hamburg Ist es Zufall oder besteht derzeit ein besonderer Anlass, dass Franz Kafkas „Die Verwandlung“ an so vielen Theatern aufgeführt wird? Die weltberühmte Erzählung, die mit dem Satz beginnt, „als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Mal legt man Wert darauf, zu zeigen, wie das als Ungeziefer ausgemachte Opfer vom Kleinbürgertum zermalmt wird, das sich politisch nach rechts bewegt. Mal zeigt man Gregors Angehörige als Parasiten, für die er sich jahrelang aufgeopfert hat. Mal zeigt man, wie die intakte bürgerliche Welt zerbricht oder wie Menschen den Anblick des Fremden nicht mehr ertragen können.

Am Sonnabend bringt der ungarische Regisseur Viktor Bodó die Erzählung unter dem Titel „Ich, das Ungeziefer“ im Malersaal des Schauspielhauses auf die Bühne. Aber seine Interpretation des Stoffes will er bis zur Premiere geheim halten. Sie wird von starken Bildern geprägt sein. Auch am Deutschen Theater Berlin und am Münchner Residenztheater sind Inszenierungen in Planung. In Hannover, Braunschweig und am Theater an der Ruhr steht die dramatisierte Erzählung ebenfalls auf dem Spielplan.

Regisseur Bodó hat bereits einige Kafka-Texte inszeniert. Seine Arbeiten sind präzise choreografiert und bersten vor Ideen. Sie zeigen Slapstick, Zirzensisches und Surrealismus und gastieren auf vielen Festivals. Auch zum Theatertreffen war Bodó eingeladen. Wir sprachen mit ihm über seine Inszenierung.

Hamburger Abendblatt: Was ist derzeit so spannend an der „Verwandlung“?

Viktor Bodó: Warum diese Geschichte für andere Theatermacher so interessant ist, kann ich nicht sagen. Ich liebe Kafka sehr und habe alle seine größeren Werke schon inszeniert. In dieser grotesken und bizarren Welt fühle ich mich zu Hause. „Gehacktundverschwunden“ heißt „Der Prozess“ auf Ungarisch. Durch die Inszenierung dieses Romans in Budapest bin ich im deutschsprachigen Raum bekannt geworden, denn sie gastierte auf vielen Festivals. Man könnte also sagen, ich habe Kafka alles zu verdanken. Dass ich jetzt „Die Verwandlung“ inszeniere, hat auch damit zu tun, dass ich am Schauspielhaus Hamburg das Ensemble für eine ideale Besetzung gefunden habe.

Es gibt das Verbot, Gregor Samsa als Käfer darzustellen. Wie lösen Sie das? Wie sieht er bei Ihnen aus?

Bodó: Das darf ich nicht verraten. Ich habe eine sehr spezielle Lösung für das Theater gefunden und wenn ich sie jetzt erklären würde, wäre die Pointe weg. Ich kann aber verraten, dass es keine Käfer-Kostüme geben wird. Kafka hat auch darauf bestanden, dass es in seinem Buch keine Illustration eines Käfers geben darf. Wir werden eine sehr einfache Lösung präsentieren.

Jeder soll sich ja ein eigenes Bild der Erzählung machen. Beispielsweise könnte man annehmen, dass nicht Gregor Samsa, sondern die Mitglieder seiner Familie eine starke Verwandlung durchmachen, durchmachen müssen. Wo liegt bei Ihnen der Schwerpunkt?

Bodó: Bei mir hängen die Verwandlungen zusammen. Aus irgendeinem Grund hat eine Verwandlung stattgefunden. Als Folge davon verwandeln sich alle Figuren in der Erzählung, im Stück. Es ist sehr wichtig, wer sich wie und in welche Richtung verwandelt. Wie der Vater aus sich herauskommt, die Mutter von Angst zerfressen wird und die Schwester erwachsen, gemein und böse wird, das bedeutet für jeden eine starke Verwandlung. Andernfalls wäre es uninteressant.

Wie sehr ist die Gesellschaft dafür verantwortlich, dass sich diese Menschen verwandeln?

Bodó: Die erste Frage, die der Dramatiker Péter Kárpáti und ich uns gestellt haben, lautete, was wäre, wenn diese Verwandlung heute stattfinden würde? Wie verhält sich unsere Gesellschaft gegenüber Menschen, die nicht mehr funktionieren? Für uns war das eine der wichtigsten Fragen. Wir haben in der Theaterfassung noch ein paar Figuren hinzuerfunden, so wirkt die Außenwelt stärker. Wir wollen die Geschichte so erzählen, als ob man das ganze Leben Kafkas gesehen hätte. Wir verwenden auch Motive aus seinen anderen Werken.

Die Erzählung ist ebenso realistisch wie fantastisch und abwegig. Wie setzen Sie das auf der Bühne um, denn dort müssen Sie konkret etwas darstellen, anders als im Roman, wo man sich der Fantasie überlassen kann?

Bodó: Die Zuschauer wissen, worum es in Kafkas bekanntestem Werk geht. Das Geniale an Kafka ist eben, dass das Poetische direkt neben dem Realistischen liegt. Das zwingt uns dazu, neue Spielstile zu suchen. Sowohl die Schauspieler, wie Ausstattung und Regie müssen eine Welt zeigen, die aus den Fugen geraten ist. Wir wollen kein Zimmer zeigen, keine Wohnung, sondern wirklich eine Traumwelt, einen poetischen Raum. Wir wissen nicht, wann wir in der Realität sind, wir fühlen uns, als seien wir gerade aus einem Albtraum aufgewacht, und dann stellt sich heraus, dass man nicht aufwachen kann.

„Ich arbeite viel mit Gleichnissen“

Was sagen Sie den Schauspielern, was sie spielen sollen? Irgendetwas muss man doch vorgeben? Die Fantasie, die Sie in Gang setzen wollen, die müssen letztlich die Schauspieler auslösen.

Bodó: Ich arbeite viel mit Gleichnissen. Wir denken über Erlebnisse nach, die diesem Zustand ähneln. Was passiert, wenn ein Verwandter krank wird, der bis dahin das Geld für die ganze Familie verdient hat? Wie reagiert die Familie? Ein derartiges Beispiel soll das Problem nicht verkleinern. Es kann aber helfen, sich ihm zu nähern. Kafkas Beziehung zu seinem Vater ist ja als problematisch aus seinem „Brief an den Vater“ bekannt. Dort schreibt er, dass er sich wie ein Ungeziefer fühlt, das der Vater zertrampelt. Und vieles Autobiografische kennt man aus Kafkas Briefen an Felice Bauer. Wir kennen seine Einsamkeit, seine Verlorenheit, die er in der „Verwandlung“ schildert. Er fühlt sich wie in einer Zelle eingeschlossen, wie in einem Spiegellabyrinth, in dem man immer einsamer wird und das sich enger und enger zusammenzieht. Alles wird immer komplizierter und hoffnungsloser.

Sie sprechen kein Deutsch. Haben die Schauspieler ähnliche Bilder wie Sie im Kopf, wenn sie über die Szenen sprechen?

Bodó: Hier am Schauspielhaus ist das überhaupt kein Problem. Wir meinen dasselbe. Ich achte sehr darauf, was die Schauspieler anbieten, wir haben schnell zusammengefunden. Der Abend soll dynamisch werden, darin sind wir uns einig. Man kann zwar nicht verallgemeinern, denn es gibt ganz unterschiedliche Schauspieler. Aber da, wo ungarische Schauspieler sehr schnell weinen, sich öffnen, arbeiten die deutschen Schauspieler wie Ingenieure. Sie setzen alles akribisch zusammen, sind sich sehr bewusst darüber, was sie machen. Und sie sind bereit, sehr viel für ihre Rollen zu opfern.
„Ich, das Ungeziefer“, Malersaal Schauspielhaus, Uraufführung Sa ausverkauft, Karten gibt es noch für die Vorstellungen am 2. und 8. März; im Internet unter: www.schauspielhaus.de