Premiere

Schauspielhaus: Wenn Klima-Wandel plötzlich zum Theater wird

Theater-Premiere: Im Schauspielhaus erzählt der Klimaforscher Chris Rapley in „2071“ von der Zukunft, Regisseurin Katie Mitchell inszeniert federleichte Bilder dazu.

Hamburg. Chris Rapley ist Wissenschaftler, Professor für Klimaforschung am University College London. Er arbeitet mit der Nasa und hat zahlreiche wissenschaftliche Ämter in den USA, England und bei weltweit tätigen Organisationen inne, die sich mit dem Weltklima beschäftigen. Er ist Direktor des Science Museums in London und 67 Jahre alt. Im Jahr 2071 wird seine älteste Enkelin so alt sein, wie er jetzt ist. Er wagt einen Blick in die Zukunft, aus dem der renommierte britische Autor Duncan Macmillan einen Monolog fürs Theater, einen eindringlichen Vortrag gemacht hat.

Wie wird die Erde dann aussehen? In welcher Welt werden die Menschen leben? Wie sehr wird das Klima unsere bisher bekannten sozialen und ökonomischen Lebensumstände verändern? Mit dieser Art Fragen richtet sich Chris Rapley ans Publikum. Das Thema Klimawandel soll dabei nicht als Wissenschaftsvortrag an den Zuschauern vorbeirauschen, sondern uns allen klarmachen, was passiert und wie wir die Zukunft kreativ gestalten können.

„2071“ heißt der Abend, eine „Lecture Performance“, also ein inszenierter Vortrag, der nun als Koproduktion mit dem Royal Court Theatre ans Schauspielhaus kam. Rapley sitzt dabei 70 Minuten auf einem Stuhl auf der Bühne, neben sich ein kleines Tischchen mit einem Wasserglas. Mit ruhiger, sonorer Stimme erzählt er (in Wahrheit liest er vom Teleprompter am Ende des Zuschauerraumes), dass das Klima bis 2071 voraussichtlich um zwei Grad gestiegen sein wird, dass sogar eine 40-prozentige Chance besteht, dass es um vier Grad steigt. Katie Mitchell, gefragte britische Regisseurin, die ihre Inszenierungen eindringlich mit Multimedia, mit Tönen, Bildern, Schnipseln lebendig werden lässt, hat um Rapley drei riesige Wände inszeniert, die trichterartig zum Bühnenhintergrund verlaufen und auf denen animierte Bilder von der Welt und ihren Bedrohungen zu sehen sind. Rote und weiße Pfeile, die erwärmtes Antarktiswasser darstellen, sirrende Linien, die an Rundfunkwellen erinnern, Bilder von brechendem Schelfeis, von Kontinenten, die unter steigendem Wasser leiden, aus dem Weltraum, Daten, die die Erdgeschichte erläutern. Dazu erklingen leise Töne vom Krachen, Klirren, Knirschen oder elektronische Chill-out-Musik wie bei einem Vortrag im Planetarium. Rapleys Worte über Naturwissenschaft und Technik finden ihre bildnerische Entsprechung im Film.

Was aber erzählt Rapley? Beispielsweise, dass vor 12.000 Jahren die letzte Eiszeit endete und das Holozän begann. Und mit ihm Landwirtschaft und Zivilisation. Dass der Wasserspiegel früher jährlich um 0,1 mm gestiegen ist, derzeit aber um 3,3 mm. Dass das Schelfeis, das seit 20.000 Jahren meterdick in der Antarktis lagert, mehr und mehr abbricht. Und er erklärt uns, „wenn das gesamte Eisvolumen in der Westantarktis abbricht und schmilzt, steigt der Meeresspiegel um sechs Meter“.

Der erste Atlas zeigte noch unerschlossene Weltgegenden

Er erzählt von seinem ersten Atlas, den er als Zehnjähriger bekam und auf dem noch unerschlossene Weltgegenden verzeichnet waren. Inzwischen ist alles erforscht und vermessen, und man weiß um die Gefahren, die durch fossile Brennstoffe entstehen, man kennt den Treibhauseffekt. Rapley weiß auch: „Man kann nur schwer vorhersagen, wie sich das Klima verändern wird.“ Als Wissenschaftler wertet er nicht, er bringt Fakten und erklärt sie. Es klingt bedrohlich genug und jeder Zuhörer versteht, dass wir unser Verhalten ändern müssen.

Das alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass bahnbrechend Neues hier nicht vorgetragen wird. Viele Fakten kennt man aus Wissenschaftssendungen im Fernsehen, durch die Lektüre von Wissenschaftsseiten in Zeitungen. Eben erst ist die 20. Weltklimakonferenz in Lima zu Ende gegangen. Ergebnislos. Im Dezember 2015 soll in Paris ein neuer Weltklimavertrag abgeschlossen werden. Ob es dazu kommen wird? Wir rennen sehenden Auges ins Unglück.

Der Mensch ist träge. Was nicht verboten ist, das macht er. Gern macht er auch Verbotenes. Natürlich ist es wichtig, dass immer wieder und überall darauf hingewiesen wird, wie bedrohlich anders die Klimasituation heute ist als zu allen uns bekannten Zeiten der Erdgeschichte. Aber wann ändert sich etwas? Gestern war es in Hamburg übrigens zwölf Grad warm. Das ist die Durchschnittstemperatur für April.

Infos: www.schauspielhaus.de