Mühsal der Midlife-Crisis

Regisseur Eirik Stubø inszeniert Hjalmar Söderbergs „Gertrud“ im Thalia Gaußstraße

Die tragischsten Stoffe schreibt das Leben selbst. „Gertrud“ ein selten gespieltes Werk des schwedischen Autors Hjalmar Söderberg aus dem Jahr 1906 verhandelt ein kompliziertes Liebesdreieck mit realem Hintergrund. Die Titelheldin, eine ehemalige Sängerin, siecht in einer eingeschlafenen Ehe mit einem Politiker dahin, eine Begegnung mit einem jungen Pianisten und einer alten Liebe weckt verborgene Sehnsüchte. Tatsächlich traf Söderberg bei einer Feier in einem Hotel auf einen jungen Schriftsteller, der mit der Affäre zu einer verheirateten Frau angab – nur dass diese Frau, Maria von Platen, seit Langem Söderbergs große Liebe war.

Mit der Premiere von „Gertrud“ gibt der in Schweden lebende norwegische Regisseur Eirik Stubø am 6. Dezember seinen Einstand im Thalia in der Gaußstraße. Stubø ist begeistert von der Arbeit mit den Brecht-geschulten deutschen Schauspielern. „Sie zeigen nicht alles und bewahren das Mysterium eines Stückes“, sagt Stubø. „Söderberg ist ein geheimnisvoller Schreiber, geradezu impressionistisch.“ Dem Stück sind Bezüge zu Ibsen eingeschrieben. Stubø arbeitet sich an den Parallelen zum großen Norweger ab. „Gertrud hat eine klassische Midlife-Crisis, die eher ein Cliché bei Männern in mittleren Jahren ist. Aber wenn sie sagt, ‚Ich bin zu jung, um tot zu sein’, finde ich das frisch und modern.“

Gertrud hält kompromisslos an ihren Idealen fest

Gertrud hält sie sich nicht an die Spielregeln der dominierenden Männerwelt. Gertrud macht Tabula Rasa mit ihrem Leben. Das geht nicht gut aus, weil sowohl der jugendliche Liebhaber sie nur als Dekoration sieht und der Ex-Lover ihr schon immer nur die Rolle als zweite Geige überlassen wollte und der Ehemann von den zuvor gepriesenen Idealen Freiheit und Toleranz nichts mehr wissen will. Anders als Madame Bovary, Anna Karenina, Fräulein Julie oder eben Hedda Gabler wählt sie am Schluss nicht den Freitod, sondern die Freiheit in Selbstbestimmung. Gertrud folgt ganz ihrer Utopie wie eine Terroristin des Gefühls. „Das ist sympathisch an ihr. Sie ist wahrhaftig und eine Idealistin. Sie macht keine Kompromisse.“ Dennoch ist ihre Zukunft nicht rosig. „Es kann sein, dass sie weitermacht, aber sie ist eine Untergeherin“, so Stubø. Er will den Stoff in einer Mischung aus szenischer Lesung, Spiel, Gesang und Performance auf die Bühne bringen. Traumhaft verfremdet soll es werden. Und Maja Schöne singt das von Schumann vertonte Heine-Gedicht von der Dichterliebe: „Ich grolle nicht“.

Der Regisseur, der jüngst mit einer „Faust“-Version in Norwegen für Furore sorgte, stammt aus einer musikalischen Familie. Der Vater war Jazz-Gitarrist, auch der Bruder und die Schwester sind Musiker. Stubø selbst wollte seinen eigenen Ort finden, wie er sagt. 2015 übernimmt er die Leitung des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm.

Interessanterweise fand bereits die deutsche Erstaufführung von „Gertrud“ 1980 in der Regie von Peter Palitzsch am Deutschen Schauspielhaus statt.

„Gertrud“ Premiere Sa 6.12., 20.00, So 7.12., 19.00 u. ab 11.12., Thalia Gaußstr. (S Altona, Bus 2) Karten zu 26,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de