Choreografin

Natalia Horecna zeigt neues Stück mit Bundesjugendballett

Natalia Horecna war Solistin im Hamburg Ballett von John Neumeier. Als Choreografin bringt sie am Montag mit dem Bundesjugendballett ihr neues Stück im Ernst Deutsch Theater zur Uraufführung.

Hamburg. Ballett ist eine paradoxe Kunst. Sie verlangt von Menschen, die wie alle Materie der Gravitation unterliegen, die fortwährende Simulation von Schwerelosigkeit. Im Ballett ist der Tanzboden dazu da, ihn möglichst hinter sich zu lassen, weit unter sich. Tänzer springen, Ballerinen trippeln in eiligem Tremolo auf Zehenspitzen, oder sie lassen sich von muskulösen Epheben in die Lüfte emporheben.

All das muss aussehen, als seien ihre Knochen aus Sprungfedern und ihre Muskeln aus Federbein gemacht. Allzeit graziöse Bewegung in ihren märchenhaften Kostümen ist Pflicht. Und lächeln, immer lächeln, selbst bei größter physischer Anstrengung. Die beeindruckend hohe Auslastung von klassischen Ballettvorstellungen allüberall zeigt, wie viele Menschen dieser Kunst verfallen sind.

Klassisches Ballett ist schön – und eskapistisch. Eine Kunst für Welt- und Gewichtsflüchtige. Wer den Tanz liebt und glaubt, dass sich in ihm auch wahrhaftiges menschliches Leben wie deins und meins abbilden und erhöhen ließe, wird selten fündig in den so beliebten, weil entrückten Sujets von Elfen, verwandelten Schwänen oder Jungmädchenträumen. Er muss ins Tanztheater gehen, wo andere Schritte Trumpf sind, wo auch Schmutz erlaubt ist, das Hässliche, Hinfallen und Schwere.

Das Einfache, das so schwer zu machen ist

Was aber für eine Kunst dort entstehen kann, wo das Vokabular des klassischen Balletts erweitert wird um die Sprache authentischer Bewegung, das lässt etwa die Arbeit der slowakischen Choreografin Natalia Horecna erahnen. Für das Bundesjugendballett hat sie mit „The Swirl of Snow Remains“ ein Stück geschaffen, das größtmögliche Ehrlichkeit im Ballett anstrebt. Heute erlebt es bei „Im Aufschwung VI“ im Ernst Deutsch Theater seine Uraufführung.

Von den acht Tänzern zwischen 18 und 22 Jahren verlangt Natalia Horecna das Einfache, das so schwer zu machen ist: „Fühlt alles, was ihr tut“, sagt sie ihnen auf einer Probe im Ballettzentrum John Neumeier. Sie hat selbst bei Neumeier gelernt und ab 1995 in seiner Compagnie als Solistin getanzt, ehe sie vor elf Jahren in die Niederlande ging. Bis 2012 war sie Tänzerin beim Nederlands Dans Theater I, seit 2007 arbeitet sie auch als Choreografin. Vor zwei Jahren hat sie sich selbstständig gemacht und kreiert seitdem für große Compagnien wie die der Wiener Staatsoper oder für das finnische Nationalballett.

In „The Swirl of Snow Remains“ hat Horecna eine Geschichte imaginiert, in der es um die Opfer von Kriegen geht, auch um Täter. Um Trauma und Schuld, um Verlust und Entwurzelung. Damit die fantastisch beweglichen jungen Tänzer das glaubwürdig verkörpern können, müssen sie eigentlich verlernen, was sie bislang scheinbar für diesen Beruf qualifiziert hat. Von Kindesbeinen an auf Anmut gedrillt, auf das schöne Als-ob, ist Wahrhaftigkeit in der Bewegung für sie fast ein Schock. Hier sollen sie plötzlich zeigen, was sie bislang erfolgreich verborgen haben, womöglich sogar vor sich selbst.

Horecna ist eine sanfte Verführerin ins Dunkle

Man muss sich Natalia Horecna, diese weißblonde, zentrierte Frau mit den vielen Haarnadeln, den kugelrunden, großen, blauen Augen und dem sanft strahlenden Sendungsbewusstsein, als eine Art Inititationsengel in eine andere, die eigentliche Wirklichkeit des Tanzes vorstellen. Denn wo sie auch geht und steht, möchte sie das Artifizielle ins Menschliche verwandeln, das Künstliche in Kunst. „Manche Solisten können sich innerhalb von zwei Wochen umstellen“, erzählt Horecna. „Das ist dann, als ginge ein ganz großer Seufzer durch sie hindurch. Bei anderen dauert es länger.“ Sie ist auf der Suche nach nichts Geringerem als dem Göttlichen im Menschen, „denn für mich ist der Mensch ein sehr göttliches Wesen, eine Substanz aus Energie und Gedanken, die ich anfassen möchte. Ich will nicht, dass Publikum und Darsteller voneinander getrennt sind.“

Horecna ist eine sanfte Verführerin ins Dunkle. Dort vermutet sie, ganz im Geiste Beethovens, den Ursprung des Lichts. Sie legt ihre Finger in die Wunden der Kriege der Vergangenheit und der Gegenwart, doch auf wundersame Weise legt sie ihnen dadurch zugleich auch heilende Hände auf. „Ich verspüre eine massive Abspaltung vom Herzen in der Welt“, sagt sie. „Meine Arbeiten suchen immer das Herz. Alles andere ist zu oberflächlich.“

Kunst begreift Natalia Horecna ganz altmodisch als Auftrag

Sie weiß, dass es den Tänzern des Bundesjugendballetts noch an Lebenserfahrung fehlt, um all die Gefühle von Melancholie, Schmerz und existenziellem Verlust, die ihr Stück evoziert, schon wirklich empfinden zu können. „Ich will sie aber trotzdem dort hinbringen, weil die Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, so grauenvoll sind. Ich stelle mir diese Kids als Botschafter der Mission vor, dass sich diese Schrecken niemals mehr wiederholen dürfen.“

Kunst begreift Natalia Horecna ganz altmodisch als Auftrag. Auch, dass sie weitergeben muss, was sie von John Neumeier, Jiri Kylian oder Mats Ek gelernt hat, den Choreografen, die sie ohne Zögern ihre Meister nennt. In der ungewöhnlich freudvollen Erscheinung dieser Frau von 39 Jahren steckt ein buchstäblich heiliger Ernst. Seelennahrung soll ihr Theater liefern. „Helden sind für mich Chirurgen oder Feuerwehrleute, die Leben retten“, sagt Horecna. „Und eine Heldin ist für mich auch die Tänzerin, die dem Publikum ihr Herz und ihre Seele zeigen kann, so dass es sie spüren und sagen kann: Ich fühle deinen Schmerz, lass uns freundlich sein miteinander. Das ist es, was ich an einem Künstler bewundern will – nicht die Linien, die er tanzt, nicht die Akrobatik seiner Schritte.“

Bundesjugendballett „The Swirl of Snow Remains“, UA heute, 19.30, Ernst Deutsch Theater, weitere Vorstellungen: 18., 20. und 21.11., jeweils 19.30, Kartentelefon 22 70 14 20