ARD

Reife Liebesnot: „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“

Die ARD zeigt Jan Georg Schüttes Film „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ mit großem Staraufgebot und improvisierten Dialogen. Es geht um die Liebe und Einsamkeit im Alter.

Die trauen sich etwas beim NDR und WDR. Das ist ein Satz, den man gern häufiger lesen würde, aber jetzt haben sie es wirklich getan: Für „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ haben die Fernsehmacher eine Art Nationalmannschaft von lebenserfahrenen Schauspielern zusammengeholt. Darunter sind so große Namen wie Angela Winkler, Mario Adorf, Senta Berger, Michael Gwisdek, Hildegard Schmahl, Matthias Habich und Brigitte Janner.

Es geht um die Liebe im Alter. Sie alle wollen ihr in ihren Rollen noch einmal eine Chance geben – aus den unterschiedlichsten Gründen. Inszeniert hat den experimentellen Film Jan Gregor Schütte nach seinem eigenen Hörspiel.

Die Frauen und Männer sind zwischen Ende 60 und Mitte 80, und sie sind einsam. Deshalb unternehmen sie einen ungewöhnlichen Schritt und gehen zu einem Speed Dating. Sieben Minuten lang sitzen sie einem Partner gegenüber und reden über Gott und die Welt, vor allem aber über die Liebe. Völlig unterschiedliche Lebensentwürfe und Temperamente prallen da aufeinander. Dann erklingt eine Glocke, die Teilnehmer rücken einen Platz weiter, und das Spiel beginnt von vorn.

Das Liebesbedürfnis nimmt im Lebensalter nicht ab

Das Liebesbedürfnis, das wird schnell klar, nimmt mit wachsendem Lebensalter keineswegs ab. Die Ausdrucksmittel der Teilnehmer reichen dabei von profan bis poetisch. „Für untenrum wäre ’ne Frau gar nicht so schlecht“, sagt einer. Ein anderer will eigentlich gar nicht zu dem Treffen und ist eher ängstlich. „Es fehlt mir, berührt zu werden“, sagt eine Frau, sie sucht einen „Mitatmenden“. „Was würden Sie gern mit einer netten Frau wie mir machen?“, fragt eine Teilnehmerin unverblümt direkt.

Mindestens so interessant wie das Ergebnis ist das Zustandekommen dieses Films. Regisseur Jan Georg Schütte ist Schauspieler, hat aber auch schon mehrere Filme inszeniert („Swinger Club“, „Die Glücklichen“), die fast alle auf improvisierten Drehbüchern beruhten.

So ähnlich ist er auch diesmal vorgegangen. Er hat mit jedem Schauspieler die Rahmenbedingungen seiner Rolle festgelegt. Aber keiner der Darsteller wusste, was sein Gegenüber verkörpert und was er oder sie erzählen würde. Die Dialoge sind komplett aus der Situation heraus entstanden.

Es gab lang anhaltenden Applaus

Gedreht worden ist der Film in Hamburg. Michael Eckelt hat ihn produziert. Nach nur zwei Stunden war das Treffen abgedreht, und das Stühlerücken hatte ein Ende. Der technische Aufwand war enorm. 19 Kameras liefen gleichzeitig, um das Geschehen an jedem der sechs Tische und der Bar einzufangen. Damit Schütte überhaupt Regie führen konnte, hat er die Rolle eines Moderators übernommen. So kann er durchs Bild laufen, ohne dass er „stört“.

Danach ging die Arbeit erst richtig los. Fast 70 Schnittfassungen entstanden, bis der Film seine heutige Form fand. Schütte ging das an die Nerven. „Ich hatte Hautausschlag während der Schnittzeit. Meine Frau sagt, ich sei ganz schön alt geworden.“

Entsprechend angespannt war er, als er vor wenigen Tagen die fertige Fassung bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck im Kino vorstellen konnte. Es gab lang anhaltenden Applaus. Und den Schauspielern schien es gefallen zu haben. Angela Winkler freute sich, dass sie nicht wieder eine „tragische Tante“ spielen musste.

Über ihre verspielte Rolle sagte sie lachend: „Ich bin so.“ Mario Adorf wies auf den ernsten Hintergrund der Handlung hin und sagte: „Speed Dating ist kein Gesellschaftsspiel.“ Hildegard Schmahl wurde fast schon philosophisch: „Wir brauchen eine Vorstellung davon, was wir machen wollen und ob wir es besser können, als wir 40 waren.“

„Altersglühen“ ist ein heiteres wie nachdenkliches Werk

Vom Regisseur fiel nach der begeisterten Reaktion des Publikums eine Last ab. „Ich bin total glücklich. Das ist ein affengeiler Film“, freute er sich. Er hatte sich von seinen Darstellern Überraschungen erhofft, und er hat sie bekommen. „Dafür mache ich das. Solche Dialoge könnte ich gar nicht schreiben“, sagte er. Vor Beginn des Drehtages haben man dem Ensemble die ungewöhnliche Herausforderung schon angemerkt, am Ende des Tages habe eine total gelöste Atmosphäre geherrscht. „Alle waren durch und durch erfüllt. Es war einer der lustigsten Abende meiner Schauspielerkarriere.“

Und das hat im wahrsten Sinne des Wortes Folgen. Weil bei den herausgeschnittenen Szenen noch so viel gutes Material war, zeigen NDR und WDR zusätzlich eine Serie in sechs Teilen, die ebenfalls „Altersglühen“ heißt, bei der man aber jeweils nur einem einzigen Charakter durch das ungewöhnliche Treffen hindurch begleitet. Der Film „Altersglühen“ ist ein ebenso heiteres wie nachdenkliches Werk. Gute Fernsehunterhaltung und zugleich ein Plädoyer für den Mut zum Experiment.

„Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ Mi, 20.15 Uhr, ARD

„Altersglühen“ – Die Serie Do, 13.11. 23.30 Uhr (Folgen 1 + 2); Do 20.11., 23.30 Uhr (Folgen 3 + 4); Do 4.12., 23.30 Uhr (Folge 5), Do 11.12. 23.30 Uhr (Folge 6), jeweils NDR