Sterben unter Freunden

Im Drama „Hin und weg“ spielt sich ein Ensemble um Jürgen Vogel ins Zuschauerherz

Zu den kurzlebigsten Medienphänomenen ever zählt die Ice Bucket Challenge, die als Selbsterfrischung zum guten Zweck letzten Sommer die Runde durchs Netz und durch soziale Medien machte. Das Prominenten-Kaltbad mit angeschlossener moralischer Spendenverpflichtung war schon im September lau geworden, sein Hintergrund aber hat sich nicht erledigt. Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist für alle von ihr Betroffenen immer noch genauso qualvoll und unausweichlich tödlich wie zuvor. Nur fließt dank der Spenden vielleicht etwas mehr Geld in die Erforschung der Krankheit.

Der Regisseur Christian Zübert, der seit seinem hübschen Kiffer-Erstling „Lammbock“ (2001) eine Reihe sehenswerter Spielfilme für Kino und Fernsehen drehte, zuletzt „Dreiviertelmond“ (2011) und „Dampfnudelblues“ (2013), konnte bei den Dreharbeiten zu „Hin und weg“ im vergangenen Herbst natürlich nicht ahnen, dass die Leute jetzt nicht mehr alle nur Bahnhof verstehen, wenn von ALS die Rede ist. Aber seit der Ice Bucket Challenge sind eben alle sofort im Film, wenn sie erfahren, dass Hannes, die Hauptfigur von Züberts neuem Werk, diese Krankheit hat.

Nicht, dass das zu dessen Verständnis zwingend notwendig wäre. Aber das Wissen liefert Kontext und (noch) mehr Verständnis dafür, weshalb sich ein unheilbar Kranker von Mitte 30 entschließt, mit fremder Hilfe zu sterben, ehe die Krankheit seinen freien Willen womöglich zu sehr ausgehöhlt hat.

Manche werfen dem Film vor, dass er 95 Minuten lang unausweichlich auf den von der Hauptfigur gewünschten Tod durch eine Giftspritze hinausläuft. Dummerweise aber tut jedes Leben dasselbe wie dieser Film, es endet mit dem Ende. Für Hannes kommt es früher, zu einer Zeit, die eigentlich die Blüte eines Lebens sein müsste.

Hannes hat das qualvolle Dahinsiechen seines Vaters als Schreckbild vor Augen

Wie jedes Jahr soll es mit seiner Frau, mit Freunden und seinem Bruder eine Radtour geben. Das Paar drängt diesmal auf Belgien, und alle stöhnen: Muss das sein? Belgien ist doch unsexy. Erst unterwegs, am ersten Abend, kommt raus, dass für Hannes das Reiseziel Oostende das Ende seines Lebens markieren wird. Sterbehilfe ist in Belgien möglich, wenn dieselbe unheilbare Krankheit in der Familie schon einmal vorgekommen ist. Und Hannes hat das qualvolle Dahinsiechen seines Vaters an ALS als Schreckbild vor Augen. So will er keinesfalls aus dem Leben gehen.

Die Freunde sind schockiert, aber weil sie Freunde sind, stehen sie Hannes bei. Wie sie das tun, oft unbeholfen und über-rücksichtsvoll, vor allem aber, wie dabei jeder sein eigenes Leben trotz seiner Widersprüchlichkeit plötzlich ein bisschen kostbarer findet, wesentlicher, das erzählt der Film sehr überzeugend. „Hin und weg“ gelingt das Kunststück, ungeachtet reichlich fließender Tränen nicht larmoyant zu sein.

Die Reise zu Hannes’ Tod wird zur Bewährungsprobe einer Cliquen-Freundschaft und jedes einzelnen von ihnen. Denn auch die Freunde stellen einander eine Challenge: In der Kneipe schreibt jeder seinem Nachbarn so was wie eine Mutprobe auf einen Zettel.

In pointierten Episoden kommt nach und nach jeder mit seiner Aufgabe an die Reihe. Michael (Jürgen Vogel) etwa, pathologischer Womanizer, soll sich einmal im Leben wie eine Frau fühlen. Vogel löst die Aufgabe ziemlich glamourös. Und sein Michael lernt dabei eine junge Frau kennen, die ihn entgegen aller Planung richtig erwischt (Miriam Stein).

Kiki (Julia Koschitz) scheut bei aller Liebe und Solidarität nicht den Konflikt mit ihrem Mann Hannes, derweil es in der Ehe von Mareike (Victoria Mayer) und Dominik (Johannes Allmayer) ganz schön knirscht. Zwischen Wut und Schuldgefühl zerreißt es fast Finn (Volker Bruch), Hannes’ Bruder: Warum er, warum nicht ich? Die Figuren sind lebensnah erfunden und sehr passend besetzt. Und Belgien zeigt sich in diesem Film so fotogen wie selten.

+++-- „Hin und weg“ D 2014, 95 Min., ab 12 J., R: Chr. Zübert, D: F. D. Fitz, J. Vogel, täglich im Cinemaxx Dammtor, Koralle, Passage, UCI Mundburg & Othmarschen Park; www.hinundweg-film.de