Geschichte in Gold: Was Medaillen über Hamburg erzählen

Ralf Wiechmann ist der Experte für Münzen und Medaillen des Hamburg Museums. Matthias Gretzschel sprach mit ihm über die Geschichte der kleinen Kunstwerke

Hamburger Abendblatt:

Herr Wiechmann, anlässlich seines 66. Geburtstags lässt das Abendblatt eine goldene Medaille prägen. Wie finden Sie das?

Ralf Wiechmann:

Damit stellt sich das Abendblatt in eine gute Hamburger Tradition, denn Medaillen spielen für Hamburg seit dem 17. Jahrhundert eine ganz erhebliche Rolle.

Gleich zu Beginn eine Definitionsfrage: Worin unterscheiden sich Münzen und Medaillen?

Wiechmann:

Das ist ganz einfach: Münzen sind Zahlungsmittel, Medaillen sind es nicht. Es gibt zwar im Einzelfall Überschneidungen, aber grundsätzlich ist es schon so, dass man mit Medaillen nicht zahlen kann.

Vom Herstellungsprozess gibt es aber keine Unterschiede?

Wiechmann:

Nein, wenn man davon absieht, dass die ersten Medaillen im 15. Jahrhundert noch gegossen wurden.

Warum hat man überhaupt Medaillen hergestellt?

Wiechmann:

Die ersten Medaillen kommen aus Italien und stammen aus der Zeit um 1400. Hier spielt das neue Selbstverständnis der Renaissance eine Rolle, in der das Individuum erstmals größere Bedeutung erlangte. Deshalb hat man die Medaillen oft Persönlichkeiten gewidmet, deren Konterfei auch darauf abgebildet war. Das geschah als Ehrung oder zur Erinnerung, manchmal wurden sie zum Begräbnis, mitunter aber auch zur Krönung geprägt.

Für wen waren diese Medaillen bestimmt?

Wiechmann:

Vor allem für die Herrscher, die Medici zum Beispiel. Die Medaillen gelangten damals in die Kunstkammern, wo sie außer Gemälden, Preziosen, Kuriositäten und Naturalien gesammelt und zur Schau gestellt wurden.

Wurden sie denn als eigenständige Kunstwerke betrachtet?

Wiechmann:

Ja, als Kunstwerke en miniature haben sie eine besondere Rolle gespielt, auch weil sich die herausragenden Künstler in dieser Zeit nicht selten mit Medaillen beschäftigt haben, zum Beispiel im 16. Jahrhundert Hans Schwarz in Augsburg und im 17. Jahrhundert Sebastian Dadler in Hamburg.

Wann wurden in Hamburg die ersten Medaillen hergestellt?

Wiechmann:

Die erste offizielle Hamburger Goldmedaille stammt von 1653. Auch hier spielt das italienische Vorbild eine Rolle, denn dort konnte man auch größere Medaillen prägen, und zwar mit einer Prägemaschine, die Benvenuto Cellini 1568 in Florenz erfunden hat. Dadler hat diese Technik zwar noch nicht komplett beherrscht, aber er verfügte bereits über eine Prägevorrichtung mit zwei Stempeln, deren Prinzip er sich bei Cellini abgeguckt hat. Damit schaffte er es, relativ große Medaillen zu prägen. Diese erreichen einen Durchmesser von fast acht Zentimetern. Mit der herkömmlichen Hammerprägung würde man das niemals hinbekommen. Das war damals eine absolute Sensation. Deshalb konnte er für namhafte Fürstenhäuser arbeiten.

Zu welchen Anlässen wurden in Hamburg Medaillen geprägt?

Wiechmann:

Jedes Ereignis, das irgendwie für die Stadt Bedeutung hatte, wurde nun auch Anlass, Medaillen zu prägen. Das konnte der Bau von neuen Konvoischiffen sein, die Weihe der ersten Michaeliskirche, aber auch die Überwindung der Pest.

Welche Materialien kamen dafür infrage?

Wiechmann:

In der Regel Gold und Silber, manchmal auch Bronze. Doch diese sind meistens keine offiziellen Medaillen.

Und was genau heißt offiziell?

Wiechmann:

Eigentlich kann jeder Medaillen prägen lassen. So gab es Künstler, die zu bestimmten Ereignissen Medaillen herstellten und diese dann verkauften. Außerdem gab und gibt es offizielle Medaillen, die in Hamburg vom Senat ausgegeben werden. In solchen Fällen beauftragt die Stadtregierung die Hamburgische Münze, eine Medaille zu prägen. Diese wird dann meist an Honoratioren verliehen, etwa als Anerkennung für die Ausübung von Ehrenämtern. Das berühmteste Beispiel ist der Portugaleser.

Was hat es mit diesen Portugalesern auf sich?

Wiechmann:

Das war eine Münze, die ursprünglich aus Portugal stammt, einem Land, das durch die Eroberung der Neuen Welt zu enormem Reichtum gelangt ist. Deshalb konnten die Portugiesen diese sehr repräsentative Goldmünze prägen, die 30 Gramm Gold wog, das ist zehnmal so viel wie das Gewicht eines Dukaten. Die große Goldmünze war aber so wertvoll, dass man damit eigentlich nicht bezahlen konnte.

Also eine Münze mit Medaillencharakter?

Wiechmann:

Es war ein Zahlungsmittel, wurde aber kaum noch als solches genutzt. Daher hat es tatsächlich schon den Charakter einer Medaille. Und dieser Portugaleser wurde in Hamburg seit dem 16. Jahrhundert nachgeprägt. Darauf war vermerkt: "Nach Portugalis Schrot und Korn", also nach portugiesischem Gewicht und Feingehalt. Wir besitzen zum Beispiel ein Gemälde aus dem Jahr 1606, das eine Hamburgische Kaufmannsfrau zeigt, die zwei dieser Portugaleser als Schmuck an einer Halskette trägt. Nachdem die Portugaleser im 16. Jahrhundert durch die Reichsmünzordnung nicht mehr als Zahlungsmittel zugelassen waren, haben die Hamburger dann offiziell Medaillen daraus gemacht, wobei das Gewicht von 30 Gramm blieb. Der "Friedensportugaleser", den Sebastian Dadler 1653 in Erinnerungen an den Westfälischen Frieden prägte, war der erste Portugaleser, der eindeutig nicht mehr als Zahlungsmittel diente, sondern eine Schau- und Gedenkmedaille war. Für die nach dem Dreißigjährigen Krieg enorm reich gewordene Stadt war die Prägung der Medaillen eine repräsentative Angelegenheit und eine Möglichkeit zur stolzen Selbstdarstellung. Man blickte ins absolutistische Frankreich und prägte seine eigene "Geschichte in Gold".

Setzt der Senat diese Tradition fort?

Wiechmann:

In gewisser Weise ja, denn es gibt nach wie vor die goldenen Senatsportugaleser, mit denen Hamburgs Stadtregierung bestimmte Personen ehrt und bedenkt. Wer 40 Jahre im Staatsdienst steht, bekommt sie auch heute noch. Der Senat gibt auch noch eine ganze Reihe weiterer Medaillen heraus, zum Beispiel die Brahms-Medaille und die Biermann-Ratjen-Medaille, doch diese sind nicht aus Edelmetall und oft auch gegossen.

Worin besteht eigentlich die Faszination von Medaillen?

Wiechmann:

Einerseits sind es kleine Kunstwerke aus Edelmetall, andererseits lässt sich an ihnen Geschichte ablesen, im aktuellen Fall die 66-jährige Geschichte des Abendblatts. Und natürlich spielt die Höhe der Auflage eine große Rolle. Mit der heutigen Technik kann man natürlich viel höhere Prägezahlen erreichen, als das früher der Fall war.

Die Abendblatt-Medaille ist auf 1000 Stück limitiert. Wie beurteilen Sie das?

Wiechmann:

Bei einer Goldmedaille ist das schon eine Prägezahl, die ernsthafte Sammler zur Kenntnis nehmen werden. Das Interesse daran wird bestimmt groß sein.

Gemeinsam mit Joist Grolle hat Ralf Wiechmann die umfangreiche und stark illustrierte Dokumentation "Geprägte Geschichte. Hamburger Medaillen des 17. und 18. Jahrhunderts" herausgegeben. Der Prachtband erzählt in 31 Kapiteln Hamburgs Geschichte anhand von Medaillen und Gedenkmünzen. (Edition Wartenau, 420 Seiten, 39 Euro)

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