Zehn Gesichter des Festivals

Sie alle lieben Musik. Doch auf dem Reeperbahn Festival, das St. Pauli derzeit mit Konzerten und Kunst vibrieren lässt, verfolgen sie ganz unterschiedliche Ziele. Das Abendblatt stellt Menschen vor, die in Sachen Pop unterwegs sind

Hamburg. Das Reeperbahn Festival, bei dem bis Sonnabendnacht rund 30.000 Pop-Fans und Fachbesucher auf St.Pauli zusammenkommen, lebt vor allem von den Menschen, von den Begegnungen. Fans treffen auf Business-Vertreter treffen auf Musiker treffen auf Techniker treffen auf Künstler. Die Club-Sause auf dem Kiez bietet die große Chance, in 70 Locations nicht nur mehr als 300 Konzerte sowie Streetart und Diskussionen zu erleben, sondern verschiedene Charaktere kennenzulernen. Das Abendblatt stellt zehn von ihnen vor und erklärt, was genau sie auf dem Festival tun.

Der Musiker (1)

Der tut nichts, der will nur spielen. Nils Herzogenrath ist Gitarrist, Bassist, Keyboarder und Sänger bei der Berliner Band Oracles. Seine vier Mitmusiker und er dekorieren Instrumente und Verstärker für ihre Konzerte gerne mit Blumen, erzählt der 23-Jährige kurz vor dem Festival-Auftritt im plüschigen Imperial-Theater. Dekoration dürfte es in der Krimikulisse zwar bereits genug geben. Aber viel hilft nun mal viel. Von Hamburg kennt Herzogenrath bisher vor allem Rothenburgsort, wo die Oracles ihr neues Album mit sphärischem wie einfallsreichen Rock in den Clouds-Hill-Studios aufgenommen haben. Da er in Berlin gerade mitten im Umzugsstress steckt, konnte sich der Musiker auf das restliche Festival-Programm nicht wirklich vorbereiten. „Ich will mich überraschen lassen und hoffe auf gute Konzerte.“

Der Pop-Exporteur (2)

Seit Jahren gehört strenger Käsegeruch unverwechselbar zum Festival. Wenn Jean Zuber, Chef des Schweizer Büros für Musik-Export, zum „Swiss Business Mixer“ lädt, dann servieren sein Team und er angesagte Bands aus der Alpenrepublik. Und ein original Raclette, das es bereits zu einem gewissen Kultstatus im Festival-Programm gebracht hat. Mit dem feinen Käseschmaus lockt der 46-Jährige auch Booker an, die die Schweizer Acts wie Pablo Nouvelle, Kadebostany und Klaus Johann Grobe womöglich in Zukunft auf die Bühnen Europas bringen. „Es ist erstaunlich, was passiert, wenn sich die Leute bei uns erst mal kennenlernen“, sagt Zuber, der in Zürich lebt. Der Festival-Enthusiast, der mit seinem Exportbüro bereits zum sechsten Mal auf dem Kiez dabei ist, erlebt den Wandel des Viertels hautnah mit. Die vergangenen Jahre war der Empfang der Schweizer im Herz von St. Pauli beheimatet. Nach dem Abriss des Ladens in den sogenannten Esso-Häusern probieren sie nun das Cowboy & Indianer auf der anderen Straßenseite der Reeperbahn aus. „Die Meile mit all ihren Clubs so nah beieinander ist wahnsinnig wertvoll. Hamburg muss aufpassen, dass das erhalten bleibt.“

Die Aufbauhelferin (3)

Am liebsten hört Katharina Hoenig Punkrock. Von Musik – egal ob Pop, Hip-Hop, Folk oder Rock – bekommt die 25-Jährige beim Festival jedoch kaum etwas mit. Für die Firma U Need arbeitet sie als sogenannte Stage Hand. Das heißt, dass sie überall dort zur Hand geht, wo Hilfe beim Aufbau nötig ist. Die Hamburgerin kann ordentlich anpacken. Egal, ob sie mit ihren Kollegen Banner an Häuserfassaden befestigt, Absperrgitter an ihren Bestimmungsort schleppt oder Bühnen aufbaut. Kabel verlegen, schrauben, montieren – das ist ihr Metier. Ihre Schicht endet um Mitternacht. „Der Job ist abwechslungsreich. Und ich mag es, mich körperlich zu betätigen.“

Der Musikmanager (4)

Das Reeperbahn Festival steht ganz neu im Kalender von Hendrik De Rycker. Der Musikmanager, der im belgischen Gent zu Hause ist, hat über Mund-zu-Mund-Propaganda von Kollegen erfahren, dass die vier vollen Tage im September auf St. Pauli eine gute Gelegenheit bieten, Geschäftskontakte zu knüpfen. Der 30-Jährige will prüfen, ob er die von ihm betreuten Musiker in Zukunft in Hamburg präsentieren möchte. „Immer mehr habe ich mich jetzt auch mit der Musikgeschichte Hamburgs beschäftigt, etwa mit den Auftritten der Beatles hier“, sagt De Rycker. Beeindruckt ist er zudem vom Feldstraßenbunker. „Auf dieses riesige Gebäude schaue ich von meinem Hotel aus.“

Die Organisatorin (5)

„Im vergangenen Jahr habe ich insgesamt 20 Minuten Musik erlebt“, sagt Anne Hochstein. Die 33-Jährige ist Projektleiterin im Organisationsteam und hauptverantwortlich für den Programmpunkt Konferenz. Bereits das vierte Mal plant die Hamburgerin die Netzwerk-Events des Reeperbahn Festivals. Sie sorgt zudem dafür, dass die Fachgäste ihre Einlasspässe reibungslos erhalten, dass Logistik und Catering funktionieren. Und sie steuert die Meldungen, die das Festival über die sozialen Medien hinaus in die Welt schickt. Hochstein befindet sich dieser Tage meist im Gespräch, am Handy, im Meeting oder eilt flotten Schrittes von einer Location zur nächsten. „Für mich ist das Schönste am Festival, all die Leute endlich persönlich zu sehen, mit denen ich ein Jahr lang per Mail zu tun habe“, sagt sie. „Die Reeperbahn wird zum internationalen Treffpunkt.“

Die Sängerin (6)

Gerne wird betont, dass das Reeperbahn Festival eine ausgezeichnete Plattform für Newcomer ist. Mehr Neuling als Sängerin Manou ist aber wohl kaum einer der auftretenden Künstler. Die 17-Jährige gab mit ihren eingängigen Electropop-Songs hoch oben auf dem Astra-Container auf dem Spielbudenplatz nicht nur ihr Festival-Debüt als Musikerin, sondern auch als Besucherin. „Ich war auch privat als Fan noch nie auf einem Festival“, erzählt die Düsseldorferin, die sich mit ihrer Mutter, mit ihrer Managerin und mit ihren beiden Londoner Bandkollegen im Hotel Atlantic einquartiert hat. Keine ganz schlechte Rock-’n’-Roll-Absteige. Über ihren Auftritt auf der brandneuen Festivalbühne sagt sie: „Ich fand’s cool. Ich konnte von oben die ganze Menge sehen. Anfangs war ich echt nervös. Aber als ich mittendrin war, lief es gut.“

Die Plakatkünstlerin (7)

Farbige fabelhafte Figuren sind die Kernkompetenz von Marion Jdanoff. Auf dem Spielbudenplatz verkauft die 32-Jährige gemeinsam mit ihrem Partner Damien Tran zum zweiten Mal ihre Werke auf der Posterbörse „Flatstock“. „Letztes Jahr war es superkalt, der Wind zog in unser Ausstellungszelt hinein. Deshalb habe ich jetzt zig Pullis und Jacken mitgebracht. Die ich diesmal offensichtlich nicht brauche“, sagt die Französin, die in Berlin lebt, und lacht. Jdanoff verkauft Illustrationen und Siebdrucke, die sie teils für französische Bands individuell angefertigt hat. „Es ist total einfach, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen“, sagt sie über die Atmosphäre beim Festival. An Hamburg fasziniert sie vor allem der Hafen. „Das Industrielle. Und die großen bunten Kisten.“

Der Clubbetreiber (8)

„Es geht nicht ums Geld, es geht um Leidenschaft“, sagt Alban Qoku. Der 44-Jährige ist Clubbetreiber mit Leib und Herz und Seele. In sein Rock Cafe an der Silbersackstraße lädt der Hamburger vor allem gerne Metal-Acts. Beim Reeperbahn Festival schlagen manche Künstler bei ihm aber auch leisere Töne an. Eines ist für den passionierten Nachtmenschen ein Muss: „Ich stehe auf gut gemachte Musik.“ Und die Liebe zu seinem Arbeitskiez hat er sich sogar auf den Körper schreiben lassen. „St. Pauli“ prangt als Tattoo auf seinem Arm. Das Festival bedeutet für ihn vor allem, „dass die Leute diese Ecke von Hamburg und meinen Club ein bisschen kennenlernen“.

Der Weitgereiste (9)

„Ich fordere jeden heraus, dass ich der Festivalgast mit der weitesten Anreise bin“, sagt Glenn Dickie. Und überlegt kurz. „Oder ist jemand aus Neuseeland da?“ 32 Stunden ist der Australier von Sydney über Abu Dhabi und München angereist. Der Mann mit dem markanten Schnauzer feiert in diesem Jahr sein Reeperbahn-Festival-Debüt. Als Export Music Producer sorgt er dafür, dass der Sound von Down Under im Rest der Welt besser Gehör findet. „Es gibt eine gute Tradition erfolgreicher australischer Acts im Ausland. Nick Cave etwa oder die Go-Betweens“, sagt Dickie. Zehn australische Bands präsentiert der 38-Jährige am heutigen Freitag beim „Aussie BBQ“ im Garten des neu eröffneten Molotow am Nobistor. „Das Reeperbahn Festival ist ein großartiger Spot für unsere Bands, um vor internationalem Publikum zu spielen. Hier sind Promoter von europäischen und internationalen Festivals. Das ist toll“, sagt Dickie. Einschlägige Hamburg-Erfahrungen hat der Weitgereiste ebenfalls bereits gemacht. „Ich habe eine Currywurst gegessen. Und ich bin von einer Prostituierten verfolgt worden. Das hat mir ein wenig Angst gemacht.“

Der Fan (10)

„Das Festival ist Hamburg. Und Hamburg rockt“. Prägnanter als Katja Schlüter hätte es wohl auch kein Marketingprofi ausdrücken können. Die 33-Jährige, die als Außendienstmitarbeiterin in einer Leasing-Agentur arbeitet, nutzt ihren Urlaub, um mit Ehemann Dennis möglichst viele Bands zu entdecken. Zum vierten Mal sind die Hamburger bereits beim Reeperbahn Festival unterwegs. Und wie die beiden die vier Tage voller Musik gestalten, haben sie fair unter sich aufgeteilt: „Dennis macht den Plan“, sagt Schlüter. „Und ich, ich lasse mich einfach treiben.“