Klassik

Ein Konzert für die italienischen Momente im Leben

Das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Thomas Hengelbrock spielte in der Laeiszhalle ein erstklassig inszeniertes Potpourri aus 350 Jahren Musikgeschichte. Ein Saisonauftakt, der bella figura machte.

Hamburg. Wenn es so weitergeht mit NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock und seinem Laeiszhallen-Stammpublikum, kann er demnächst Brahms’ Ungarische Tänze auf dem Kamm blasen, und der Saal würde toben, als wandle er dabei übers Wasser. Einen Tag nach der wenig überraschenden Vertragsverlängerung bis 2019 startete das NDR Sinfonieorchester mit ihm und einer üppig unterhaltsamen „Italienischen Nacht“ in die Konzertsaison. Geboten wurde ein erstklassig inszeniertes Potpourri aus 350 Jahren Musikgeschichte, das drei kurzweilige Stunden lang zeigte, wo die gemeinsamen Stärken von Maestro und Tutti liegen, von denen es einige gibt. Man hört aufeinander, man will ergebnisoffen spielen, sich nicht mit Standard-Reproduktion langweilen und nicht vorhersehbar arbeiten. Auf beiden Seiten des Chefpults ist man hungrig nach mehr und anderem als dem Leichten und Gängigen. Aber es zeigte auch, dass es, aller Dauerverliebtheit zum Trotz, auch noch Schwächen gibt, an denen man gemeinsam arbeiten kann.

Perspektivisch interessant wird dieses Spezialprogramm ohnehin, sobald man das Unübersehbare zwischen seinen Zeilen liest: Eine Spielzeit, bevor Kent Nagano als Generalmusikdirektor an der Staatsoper antritt, dirigiert der ohnehin populäre Chefdirigent des zukünftigen Elbphilharmonie-Residenzorchesters (das per se ja kein Opernorchester ist, aber mit Hengelbrock energisch in diesem Feld Boden gutmachen will) ein Programm, das fast ausschließlich aus handverlesenem Opernrepertoire besteht, das als süffiger Italo-Mix populär ist und raffiniert kombiniert zugleich. Repertoire also, das nicht die ausgesprochene Stärke Naganos ist, dem andere Stilrichtungen besser liegen und eleganter gelingen. Hengelbrock dirigierte interessante Raritäten von lohnenden Kleinmeistern und selig machende Schunkel-Klassiker von Publikumslieblingen mit Sänger-Solisten, die ebenso handverlesen sind – und weit über dem Niveau, das normalerweise für Bunte-Teller-Veranstaltungen dazugebucht wird. Wer das alles – wenige Monate nach dem ersten Hamburger „Musikfest“, bei dem sowohl Nagano als auch Hengelbrock zukünftig das Sagen haben wollen – für einen großen und harmlosen Zufall hält, kann zwei Jahre vor der geplanten Vollendung der Elbphilharmonie genauso gut weiter an den Weihnachtsmann glauben.

Die größte Mutprobe hatte der mit Alter Musik groß und bekannt gewordene Hengelbrock, damit das dann geschafft war, gleich in den ersten kurzen Programmblock gestellt: Barockes, historisch informiert geprobt. Klitzekleine Besetzung, Spielen im Stehen, Darmsaiten, Barockbögen, das ganze Spezialisten-Ensemble-Programm, um zu demonstrieren: Wir Rundfunkorchestermusiker mit unserer klassisch-romantischen Einnordung wollen das jetzt wirklich hinbekommen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, jetzt wird geliefert. Und was jetzt noch nicht klappt und klappert, das machen wir, großes Ehrenwort, in den nächsten Runden durch guten Willen wett.

Und um sich nicht mit Bekanntem unter Leistungsdruck zu setzen, wich Hengelbrock nach einer flotten kleinen Vivaldi-Sinfonia auf weniger bekannte originelle Komponisten aus. Mit Kostproben von Kenner-Lieblingen wie Steffani, Caccini, Vinci oder Dall’Abaco glänzte diese Spezialeinheit im Rahmen des ihr derzeit Möglichen. Kein Vibrato allein genügt zwar noch nicht, um zu faszinieren und das Ausdrucksvokabular spielerisch zu beherrschen, in diesem Repertoire sind Hengelbrocks Kollegen noch in der Ausbildung, aber für die Stilsicherheit gab es ja neben dem Chef selbst auch noch den ersten Sopran des Abends, die Spanierin Nuria Rial. Ihre Stimme ist nicht wirklich raumfüllend groß (was nicht immer genügend vom Ensemble beachtet wurde), doch eine, die gerade wegen dieser Feinheit in ihren Bann zieht. Was diesem Drahtseilakt (noch?) fehlte, war Repertoire, bei dem auch NDR-Holzbläser mit epochengerechten Instrumenten zum Einsatz kämen. Und wie viel instrumentale Detailarbeit noch zu tun wäre, bewies der abschließende Händel-Hit „Lascia ch’io pianga“, der anrührend war, aber noch nicht so überwältigend, wie er geschrieben wurde.

Pause, harter Schnitt, die größere, gewohntere Komplettbesetzung auf der Bühne, keinerlei Gesang, vorerst. Aber dennoch dirigierte Hengelbrock Opern- und Selbstverliebtes aus dem Land, wo die Zitronen blühen und Gesang Nationalheiligtum ist. Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre als gestreckter Wunschkonzert-Galopp, bevor eine weitere typische Hengelbrock-Ausgrabung folgte: Puccinis „Capriccio sinfonico“, dessen Gesellenstück vom Konservatorium – es klingt stellenweise Note für Note wie „La Bohème“, ist es aber noch nicht.

Wirklich sehr clever, diese Programmdramaturgie. Danach ging es aus dem kurz angedeuteten Pariser Kleinkünstler-Millieu ohne größere Zwischenhalte zurück nach Bella Italia, zum neapolitanischen Volkslied „Funiculì, Funiculà“, das Casella als überstolzer Patriot in seiner „Italia“-Rhapsodie aufgepumpt hatte und das die NDR-Musiker mit einer mediterranen Inbrunst in den Saal schmetterten, als käme das Gehalt von der RAI.

Nach diesen Ouvertüren, der Saal war nun bereit und hungrig auf den vokalen Hauptgang, versprach Hengelbrock für den dritten Teil des Programms zwei Weltklasse-Stimmen – und Maria Agresta und Atalla Ayan hielten vom ersten Ton an, was er versprochen hatte. Die Sopranistin ging mit dem „Sempre libera“ aus der „Traviata“ gleich aufs Ganze, mit leuchtender Fülle und eleganter Kraft. Ayan erhöhte den Tenor-Einsatz mit Rossinis „La Danza“, strahlend, stark, sonor, aber nicht protzend. Agresta hielt das Oooh-wie-schön-Niveau mit Puccinis „O mio babbino caro“. Mit Ernesto di Curtis’ neapolitanischem Tränendrückerchen „Non ti scordar di me“ ging es selig verzückt im Duett weiter, bevor ein Stückchen aus Lombardos Operette „Il Paese dei Campanelli“ die musikalische Rundreise durch Land und Musikgeschichte launig beendete und, wie sollte es anders sein, euphorisch gefeiert wurde. Als Auftakt für die kommende NDR-Saison hat dieser Abend jedenfalls bella figura gemacht.