Geron Klug

An die "sweete Kundin" oder die "intellektuelle Crème brûlée"

Der Dauerquerdenker und Mitbegründer des Ladens Hanseplatte, Gereon Klug, ist Verfasser skurriler literarischer Miniaturen. Jetzt ist ein Buch mit seinen Texten auf den Markt gekommen.

Hamburg. „Ein herzliches Moinsen aus Hamburg, der Stadt im Norden mit den schweigsamen Ziegelhäusern und passenden Menschen, die, damit es nicht hinein regnet oder stürmt, ihren Mund nicht weiter als nötig öffnen wollen.“

Der Verfasser dieser Zeilen sitzt in seiner Küche in Ottensen und schenkt sich Kaffee ein. Gereon Klug wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Das grau-braune Haar locker gescheitelt. Ein Schnauzer, der zu unauffällig ist, um als Hipster-Accessoire durchzugehen. Und am Prägendsten die Brille. Ein Retro-Gestell, das als Rahmen fungiert für Augen, die freundlich, skeptisch, auch belustigt schauen. Später, für die Foto-Session draußen im verwunschenen Hinterhof, wird Klug einen Friesennerz überziehen. Es hat gerade geregnet. Das Kopfsteinpflaster glänzt. Aber die gelb leuchtende Öljacke darf auch als Symbol gelten für den kritischen Lokalpatriotismus, den Klug pflegt. Wenn man so will, dann spielt er lieber mit den Schmuddelkindern. Bei Schietwetter. Wenn die Stadt grau und schmutzig ist statt sonnenhochglanzschön. Wenn Nischen gewässert werden und seltsame Pflanzen gedeihen.

Vor acht Jahren war Klug Mitbegründer der Hanseplatte zwischen Schanzen- und Karoviertel, wo seitdem Musik, aber auch Literatur, Kleidung, Kunst und Schmuck aus Hamburg erhältlich sind. „Club- und Plattenladenbesitzer sollten spätestens nach fünf Jahren den Beruf wechseln. Sonst werden sie von der Zeit überholt und zum miesepetrigen alten Nörgler“, sagt Klug. Daher führt mittlerweile Jakob Groothoff die Geschäfte. Geblieben sind jedoch die Newsletter, mit denen Gereon Klug unter dem Pseudonym Hans E. Platte die Neuerscheinungen bewirbt. Eigentlich. Denn längst sind die Texte, die derzeit an 30.000 E-Mail-Abonnenten gehen, zu literarischen Miniaturen zwischen Werbe-Satire, Zeitgeist-Analyse und Nonsens-Poesie gewachsen. Die Produkt-Infos zu neuen Werken von Tocotronic bis Jan Delay werden meist nur knapp angehängt. „Die Kauftipps werden aber glücklicher Weise genutzt. Das sehen wir an den Bestellungen. Obwohl ich ja zu den neuen Platten kaum etwas sage“, erzählt Klug.

Unter dem Titel „Low Fidelity – Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream“ sind jetzt die schönsten und schrägsten Stücke als Buch erschienen. Mit dem wort-spielerischen Aufkleber „Spiegel-Besteller“ auf dem Einband. Betonung auf Bestellen statt auf Bestseller. Ein Buchstabe macht den Unterschied. Schamloser hätte die „Titanic“ das auch nicht hinbekommen. Das inflationär gebrauchte Wort Kult mag bei diesem quer schießenden Format kaum mehr passen. Denn auch Kult soll dieser Tage ja bitte schön einfach konsumierbar sein. Die Texte jedoch, die Klug an die „sweete Kundin“, die „intellektuelle Crème Brûlée“ oder die „lieben Internetzer“ schreibt, mäandern gerne ins gepflegt Groteske. Reklame subversiv. Anti-Marketing als Verkaufsförderung.

Diese humoreske Taktik hielt der Art Directors Club für preiswürdig und verlieh Gereon Klug für die gesprochene Version seiner Newsletter den Silbernen Nagel. Danach gefragt, muss Klug lachen. „Diese Auszeichnung ist außerhalb der Werbewirtschaft noch nicht einmal zehn Cent wert“, sagt er. Seine Reaktion zeigt zweierlei: Zum einen betrachtet Klug, der in der jüngeren Vergangenheit für die Agentur Kolle Rebbe arbeitete, die Werbebranche mindestens so kritisch bis amüsiert wie die Musikindustrie. Zum anderen ist er auf angenehme Art uneitel, bescheiden.

Erzählt er von seinem Werdegang, so tut er das nicht mit selbstverliebtem Anekdotenreichtum, sondern unaufgeregt. Popaffin prägendes Elternhaus – Fehlanzeige. Die Bildungsbürgereltern sorgten für adäquate Grundversorgung mit Goethe und Wagner. Aber durch die Hitparaden hat sich Klug „wie viele Jugendliche“ selbst mit Akribie gearbeitet. „Dieser ganze Nerd-Kram, der in sehr vielen Büchern verwurstet ist“, meint Klug lakonisch. 1969 in Siegen geboren, gab es für ihn ein vorrangiges Ziel: „Aus Siegen muss man sehr schnell abhauen, weil man es nicht aushält. So geht es ja vielen in Provinzstädten.“ Also ging’s nach Göttingen, um zu studieren. Eigentlich. Denn letztlich übernahm Klug dort für acht Jahre einen Plattenladen. „Ich war nicht zufrieden mit der Art, wie mein Lieblingsplattenladen geführt wurde und hatte ständig Verbesserungen. Bis ich ihn übernahm – und er mich.“ Bald organisierte er zudem Konzerte und begann, über Musik zu schreiben. Klug ist bekennender Benutzer von Songs und Sounds. Das aktive Spielen hat er rasch dran gegeben. „Meine Technik war nicht gut genug. Ich wollte auf dem Saxofon Free Jazz machen, ohne Jazz zu können.“

Letztlich ist Klug jemand, der viel Verschiedenes tun muss, um sich nicht „wahnsinnig schnell zu langweilen“. Ein Dauerquerdenker und Auf-den-Kopf-Steller. In Hamburg, wohin es ihn aus Liebe zur Subkultur verschlug, betrieb er das Plattenlabel Nobistor und veröffentlichte darauf Produkte rund um den Hamburger Golden Pudel Club. Er entwickelte das erste kochbare Kochbuch, bei dem das Rezept in Lasagne-Seiten geprägt war und das diverse Werbe-Preise abräumte. Er verlieh dem maskierten Designer-Duo Rocket & Wink als deren Sprecher eine Stimme. Zur Zeit arbeitet er unter anderem als Tourmanager für Rocko Schamoni. Ein Buch mit dem Humortrio Studio Braun ist in Arbeit. Den Electro-Krawall-Machern Deichkind wiederum lieferte er die Grundlage für den Hit „Leider geil“.

„Eigentlich bin ich Putzerfisch für Künstler“, sagt Klug und grinst. Der Mann im Hintergrund. Einer, der Menschen liebt, die ihn inspirieren. Der die Welt ohne Humor nicht ertragen würde. Und der gut beobachtet. Betrachtungen, die dann zum Beispiel – wie in seinen Newslettern – in eine irrwitzige Dschungel-Camp-Persiflage mit Musikern von Udo Lindenberg über Nena bis Ina Müller münden. Oder er dichtet mal eben dreist Kochbuch-Texte von Tim Mälzer auf das Thema Pop um.

Trotz der vielen musik-fremden Exkurse macht „Low Fidelity“ dennoch Lust, die versteckt beworbene Musik dann auch zu hören. Deshalb erscheint parallel zum Buch ein Sampler beim Label Staatsakt. Mit unveröffentlichten Songs von Kid Kopphausen, Heinz Strunk, Schorsch Kamerun und Co.

Einen Hinweis, warum der Hanseplatte-Newsletter so beliebt ist, gibt das Buch ebenfalls. In einem Eintrag vom April 2013 heißt es: „Das bringt fett Respekt bei den Hamburgern.“ Na dann.

Gereon Klug „Low Fidelity – Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream“ (Haffmans Tolkemitt) + CD (Staatsakt): Lesung + Musik mit Gereon Klug, Maurice Summen, Frau Kraushaar, Felix Kubin, Fr 12.9., 20.00, Hanseplatte + Fr 14.11., Buchhandlung Lüders, Lesung, Eintritt jew. frei; hanseplatte.de