Altonaer Theater

"Die Päpstin" bringt die Zuschauer auf ihre Seite

Foto: Baraniak

Glaube, Liebe, Hoffnung sind die zentralen Themen in dem Theaterstück "Die Päpstin", das dem Altonaer Theater einen gelungenen Saisonauftakt beschert. Vor allem Anjorka Strechel überzeugt in der Titelrolle.

Hamburg "Warum?" ist eine Frage, die Johanna von Ingelheim oft stellt. Warum gibt es so viel Hass auf der Welt? Und so viel Angst und Gewalt? Warum haben die Menschen Angst vor der Erkenntnis? Sehr zeitgemäße Fragen einer jungen Frau, die sich in den Dienst der Kirche gestellt hat, allerdings inkognito. Frauen sind im 9. Jahrhundert in Schulen und Institutionen unerwünscht, also schneidet Johanna ihre Haare kurz, bindet ihre Brüste mit einem Tuch flach und gibt sich fortan als Mann aus. Ihre Fähigkeiten als Arzt, ihr scharfsinniger Verstand und ihre Nächstenliebe bringen sie bis auf den Papstthron. "Papa Populi", der Papst des Volkes, wird sie genannt.

Die amerikanische Schriftstellerin Donna Woolfolk Cross schrieb über die legendäre "Päpstin" 1996 einen historischen Roman, Susanne Felicitas Wolf machte aus dem umfassenden Werk eine Theaterfassung, Eva Hosemann hat den historischen Legendenstoff jetzt als Saisonauftakt für das Altonaer Theater auf die Bühne gebracht. Zweidreiviertelstunden dauert die Inszenierung, in der das Leben der Päpstin von der Kindheit bis zu ihrem Tod erzählt wird. Anjorka Strechel spielt die Titelfigur. Die junge Schauspielerin ist ein Glücksfall für die Inszenierung, sie ragt aus dem großen Ensemble heraus, in dem die 17 Schauspieler eine Vielzahl von verschiedenen Rollen übernehmen.

Als "widernatürliches Kind" wird Johanna von ihrem Vater (Peter Theiss) verflucht. Sie fügt sich nicht in die vorbestimmte Rolle einer ungebildeten Hausfrau, sie ist wissbegierig und will lernen. Strechel spielt die Johanna als wildes, quirliges Mädchen, das seine Energie kaum zu zügeln weiß, das sich gegen den Vater auflehnt und dafür von ihm gezüchtigt wird. Auch die Ablehnung und die Schläge an der Klosterschule erträgt sie stoisch und geht doch zielstrebig ihren Weg. Aus dem Wildfang wird eine überlegte Mann-Frau, die mit analytischem Wissen und Herzenswärme die Menschen in ihrer Umgebung auf ihre Seite bringt. Sie hadert mit Gott, sie verstößt gegen Konventionen und versucht, ihre Weiblichkeit zu unterdrücken, bis sie Gerold (Philip Schwarz), Markgraf von Dorstadt, trifft. Er ist ein Mann zum Verlieben und gefährdet ihre Mission. Durch ihr genaues Spiel zeichnet Strechel eine sehr klare Kontur der späteren Päpstin. Johanna ist bei ihr eine durch und durch moderne Figur. Die Fragen, die Hosemanns Inszenierung durch ihre Sympathieträgerin aufwirft, sind bis heute in der katholischen Kirche von Bedeutung. Wenn ein Kirchenfürst sagt: "Gott hat mich mit Glauben und Gier erfüllt", hat man sofort den früheren Limburger Bischof Tebartz-van Elst vor Augen.

Hosemann erzählt Johannas Geschichte von A bis Z, vielleicht hätte man einige Szenen aus Johannas Kindheit raffen können. Sehr schnell wird die frauenfeindliche Atmosphäre im Haus des Dorfpredigers von Ingelheim deutlich, den Peter Theiss zu übertrieben spielt. Parallel dazu läuft unter den drei Torbogen im Bühnenbild von Stephan Bruckmeier die Geschichte des Anastasius (Karsten Kramer). Er ist der Sohn einer reichen römischen Familie und für die Papst-Tiara vorgesehen. Ränke, Bestechung und Mord sollen ihn zum Stellvertreter Gottes machen. Aus diesen nebeneinander laufenden Strängen entsteht Spannung. In vielen kurzen Szenen wird die Handlung mit Tempo vorangetrieben, weitere Streichungen und dafür ein konzentrierterer Fokus auf weniger Personen hätten der Inszenierung jedoch gut getan.

Nicht jedem im Ensemble sieht man so gern zu wie der überragenden Anjorka Strechel. Auch Karsten Kramer als opportunistischer Papst-Anwärter, Philip Schwarz aus Markgraf, Torsten Michael Krogh und Elena Meißner in verschiedenen Rollen verdienen Lob. Das Publikum spendet nach fast drei Stunden langen, freundlichen Beifall und beschert dem Haus einen gelungenen Saisonauftakt – auch wenn "Die Päpstin" nicht an die grandiose Aufführung von "Backbeat" heranreicht. Aber die Geschichte einer Popgruppe erzählt sich einfacher als der von religiösen Fragen durchzogene Mittelalterstoff.

Weitere Aufführungen bis zum 11. Oktober

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