Kampnagel

DJ Kid Koala zeigt ein Comic auf großer Leinwand

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Stiekele

Eric San alias Kid Koala ist einer der gefragtesten DJs der Welt. Beim Sommerfestival auf Kampnagel bringt der Kanadier jetzt sein Graphic Novel „Nufonia Must Fall“ auf die Bühne.

Toronto/Hamburg. Manche Geschichten sind einfach zu schön. Zum Beispiel jene, wie der kanadische Musiker, DJ und Graphic-Novel-Autor Eric San, Künstlername Kid Koala, zu einem eigenwilligen Bärenkostüm kam, in dem er lange Zeit auftrat. Die etwas alberne TV-Kinderpuppenshow „Yo Gabba Gabba!“ lud ihn auf ihre Tour ein mit der Bitte, einen Song zu präsentieren. Bedingung: Wer vor den zwei- bis dreijährigen Teilnehmern auftritt, muss sich einem Verkleidungsdiktat beugen. Kurzerhand bastelte ihm seine Frau, eine Bühnenbildnerin, ein Koalabärkostüm aus einem Kapuzenshirt. „Seither denken die Leute, ich trete immer so auf“, sagt Kid Koala. Und legte das Kostüm nach einigen Auftritten wieder ab.

Lässig, aber sehr bodenständig sieht er aus in Jeans und Sweater in einer Hotellobby im Herzen Torontos und blickt mit freundlichen Augen aus einem sehr jugendlich wirkenden Gesicht. Die 40 Jahre sieht man ihm nicht an. Am Vorabend hatte er beim Luminato-Festival eine Bühnenversion seiner Graphic Novel „Nufonia Must Fall“ zur Uraufführung gebracht, koproduziert vom Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel, wo die Aufführung nun bis zum 23. August gastiert.

„Nufonia Must Fall“ erzählt die liebenswert versponnene Geschichte eines nicht mehr ganz jungen musikbesessenen Roboters, der als Angestellter in einem Imbisslokal mit der sich immer schneller drehenden Technikwelt nicht mehr Schritt hält. Die Dinge spitzen sich zu, doch just in dem Moment entwickelt er zarte Gefühle für eine einsame Büroangestellte. Mit der Geschichte schrieb sich Kid Koala die schmerzliche Erinnerung an eine Highschool-Liebe von der Seele. Auch sei er als Kind eher verträumt gewesen, weshalb ihn seine fürsorglich-strengen Eltern häufig antreiben mussten.

„Ich habe Verständnis für Menschen, die nicht auf normative Art und Weise funktionieren“, sagt Kid Koala. „Es geht in der Geschichte auch um Ängste, ein altes Modell wird von einem schnelleren, effizienteren verdrängt. Das erleben heute viele Menschen. Jede Generation sieht die nächste kommen.“ Der alte Roboter wird gefeuert. Das ist schlimm, aber „auf einmal werden andere Dinge bedeutsam, und es gelingt ihm, sein Herz zu öffnen“.

Die in Schwarz-Weiß-Schattierungen gehaltene Graphic Novel brachte Kid Koala bereits 2003 heraus. Für das Bühnenprojekt fehlten ihm lange die richtigen Verbündeten, die er jetzt gefunden hat. In einer aufwendigen Installation, erdacht von US-Szenenbildner K.K. Barrett, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Spike Jonze („Being John Malkovich“), entwickelt eine Schar Techniker auf mehreren Miniaturfilmsets mit Pappfiguren die Geschichte zu einem auf große Leinwand projizierten Livefilm. Das Afiara Streichquartett sorgt für die filmische Tonspur. Wie für das Internationale Sommerfestival in dieser Ausgabe typisch, verschmelzen auch in „Nufonia Must Fall“ mehrere künstlerische Genres – Kino, Theater und Konzert – zu einem lebensnahen Stoff der dem erweiterten Kunstbegriff folgt.

Kid Koala selbst steuert ein paar Sounds und Musik aus seinen Keyboards bei. „Ich habe mich an Charlie-Chaplin-Filmen orientiert, die Musik soll Emotionen wecken.“ Statt einen fertigen Film zu zeigen, geht Kid Koala das Wagnis einer Liveshow ein. „Ich mag die Gefahr“, sagt er. „Wenn ich einen Film vertone, kann der nicht auf mich reagieren. Hier ist das anders. Die Show ist ein lebender Organismus mit zwölf Menschen auf der Bühne.“ Da geht naturgemäß auch mal etwas schief.

Seit einigen Jahren ist Kid Koala erfolgreich als Künstler auf dem elektronischen Label „Ninja Tune“ beheimatet, tourt als DJ rund um die Welt und gibt schon mal den Einheizer bei großen Stadionkonzerten von Supergroups wie Radiohead oder Arcade Fire. Sein Glück kann er bis heute kaum fassen. „Manchmal fühle ich mich wie eine DJ-Version von Forrest Gump.“ Lange Zeit war die klassische Musik seine Heimat. Mit vier Jahren begann der Sohn eines Wissenschaftlers, Klavier zu spielen, mit zwölf Jahren entdeckte er das Scratching für sich, das rhythmische Hin- und Herschieben von Vinylplatten unter der Nadel. „Das schien damals eine oppositionelle Philosophie zu sein. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick.“

Heute besitzt der manische Sammler an die 20.000 Platten. Die meisten von ihnen enthalten – Geräusche. „Ich habe eine der weltweit größten Soundeffektbüchereien, darunter den Klang einer Frau, die auf hohen Hacken durch den Regen geht, oder auch jenen einer Mikrowelle von 1982.“ Auf der Suche nach speziellen Effekten verbringt er viele Stunden in Secondhand-Plattenläden. „Ich besitze allein 20 Platten mit Niesen und Husten.“ Ob Radiosender oder Musiker – viele fragen spezielle Geräusche bei Kid Koala an.

Oft sieht er sich fälschlich in der Hip-Hop-Schublade einsortiert. „Ich denke immer eine erzählerische, eine visuelle und eine musikalische Welt zusammen“, sagt Kid Koala. „Ich visualisiere Musik sofort, und wenn ich eine Szene sehe, höre ich dazu einen Beat. Ich überlege mir nicht, ob es für das Radio oder den Dancefloor geeignet ist. Mir geht es um die Geschichte, die ich erzählen will.“

Derzeit ist Kid Koala mal wieder schwer gefragt. Neben mehreren Film-Soundtracks ist ein Album mit Emiliana Torrini in Arbeit und eines mit Johnny Greenwood, dem Gitarristen von Radiohead. „Das wird ein Winteralbum“, sagt Kid Koala. Aber erst mal haben wir ja noch Sommer. Und Festival.

Kid Koalas’s „Nufonia Must Fall“ 22./23.8., jew. 18.00 u. 21.00, Kampnagel, Jarrestraße 20–24, Karten T. 27 09 49 49; (Die Reise wurde ermöglicht von Toronto Tourism und Kampnagel)