Haiti, mon amour

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Thomas Andre

Lyonel Trouillot erzählt in „Die schöne Menschenliebe“ von dramatischen Vorkommnissen auf der Karibikinsel

Wo gibt es das? Ein mutmaßliches Verbrechen, das gar nicht aufgeklärt werden soll, weil es einer höheren Moral zu gehorchen scheint? Der Ermittler aus der Hauptstadt reist jedenfalls unverrichteter Dinge wieder ab. Die Menschen in dem Fischerdorf, das in Haiti liegt, also auf der der Sonne zugewandten Seite der Erde, reden bereitwillig mit ihm. Aber preisgeben tun sie nicht wirklich etwas. Dabei ist doch etwas Ungeheuerliches geschehen: Die benachbarten Edeldomizile zweier hochgestellter Repräsentanten sind abgebrannt, ihre Besitzer verschwunden.

Und niemanden scheint es zu stören. Der skrupellose Geschäftsmann Robert Montès und der ehemalige Polizeichef, Oberst Pierre André Pierre, sind die Opfer der dramatischen Vorkomnisse – zu Lebzeiten waren sie in der Grausamkeit vereint, mit der sie den Weg nach oben beschritten. Jetzt ist die junge Anaïse aus ihrer europäischen Heimat in den Karibikstaat gereist, in dem andere Gesetze gelten – es sind die flirrenden Regeln im Dienste einer höheren Wahrheit, die hier in den Geheimnissen der Menschen Geltung beanspruchen. Anaïse ist die Enkelin des Robert Montès, sie will auf ihrer Reise tief in ihre Familiengeschichte hinabsteigen und erfahren, was damals wirklich geschah.

Man verrät an dieser Stelle nicht zu viel, wenn man erwähnt, dass das Rätsel um das Verschwinden der beiden Männer nicht letztgültig gelöst wird. Lyonel Trouillot, 1956 in Port-au-Prince geboren, gilt als einer der profiliertesten Chronisten Haitis; er erzählt in seinem preisgekrönten und jetzt auf Deutsch erscheinenden Roman „Die schöne Menschenliebe“ eine gleichnishafte Geschichte Haitis, in der er die grausame, an Brüchen und Widersprüchen reiche und aus europäischer Sicht exotische Wirklichkeit des Sehnsuchtsorts in den Blick nimmt. Ein Sehnsuchtsort, das ist Haiti für die Besucher aus der Wohlstandswelt des Nordens. Mit deren Erwartungshaltung spielt der Roman.

Dem Anschein nach ist „Die schöne Menschenliebe“ ein mehrstimmiger Roman: In der Erzählgegenwart kommt ja auch Anaïse kurz auf ihrer Reise an den Ort ihrer Vorfahren zu Wort. Anaïse verkörpert das Wesen der überbehütet aufgewachsenen Tochter des reichen Teils des Planeten. „Die einzige Freiheit, die mir gefehlt hat, war die Einsamkeit einer echten Verletzung und die selbständige Entdeckung von Dingen außerhalb meiner selbst, die der Mühe wert waren“.

So eine Figur auf die urwüchsige und chaotische Realität der zivilisatorisch vermeintlich rückständigen Insel loszulassen – das lässt einen zunächst mal vermuten, dass hier größtmögliche Kontraste gesucht werden. Und das ist auch so, denn der Clash der Lebenswelten wird in der Tat überdeutlich und explizit ausgestellt. Vor allem ist der 2011 für den Prix Concourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis, nominierte Roman ein Selbstgespräch der haitianischen Seele. Bei Trouillot tritt diese in Gestalt des Touristenführers Thomas auf, aus dessen Sicht ein Gutteil des Romans geschildert wird. Sein Onkel, der Künstler, darf die philosophische Grundierung für das Sittengemälde liefern: „Die schöne Menschenliebe“ ist seine Erfindung, sie ist Bild und Theorie zugleich. Und sie offenbart die Vorstellung einer Menschheit, in der fast jeder seinen Platz hat: einer Landschaft, in der jeder den Platz einnimmt, den er einnehmen will.

Der Oberst und der Geschäftsmann, die 20 Jahre vor dem Einsetzen der Erzählung verschwanden, finden keinen Platz in jener Landschaft – weil sie überhaupt keinen Einlass begehren. Ihr Streben hat nichts Gemeinschaftliches, sie stehen sinnbildlich für den Egoismus des Kapitalismus und die Gewaltherrscher à la François Duvalier, auch Papa Doc genannt, die die Geschicke des Landes allzu lange bestimmten.

Die haitianische Seele: Sie muss nicht nur den erschrockenen Blick zurück verkraften, der zum Beispiel auch auf das Erdbeben von 2010 fällt und Haitis Zukunft fürs Erste unter sich begrub. Sie muss nicht nur die grausame Geschichte der vielen Putsche und Putschversuche verkraften, die politischen Morde und die Ausblutung des Landes, sondern in den ruhigen Zeiten auch die mentale Kolonisierung durch die westlichen Touristen.

Ihnen, die mit vorgefertigten Erwartungshaltungen ins Land kommen, auf der Suche nach einer sonst wie ursprünglicheren Lebensform auf dem „Exotikmarkt“ Haiti, als Sexreisende mit Lust auf farbige Loverboys – ihnen gilt der wahre Zorn des Erzählers: „In dem Land, aus dem du kommst, soll der Job eine Art Kaserne sein und Ferien so etwas wie Fronturlaub. Man muss ihn bis zum letzten Tropfen auskosten, bevor man zur Truppe zurückkehrt.“

Anaïse, die Suchende, betrifft der Furor des Haitianers nicht: Sie ist offen und unvoreingenommen.

Lyonel Trouillot 18.9., 21 Uhr, „Cap San Diego“. Tickets 15€