Opernkritik

„Don Giovanni“ in Salzburg: Der Schuft der Frauen

Gefällig, sonst aber auch nichts: Die „Don Giovanni“-Premiere bei den Salzburger Festspielen enttäuschte, vor allem wegen des lendenlahmen Dirigats von Christoph Eschenbach.

Salzburg. Eine mondän eingerichtete Hotel-Lobby, schätzungsweise 1920er, rechts die Cocktailbar, in der Mitte der Treppenaufgang zu den Zimmern, hinter deren Türen die vielen Damen zu vermuten sind. Es wuselt das Personal, und mittendrin, als dekorativ durchtrainierter und testosteronbetankter Lieferdienst, stets auf Abruf für den speziellen Zimmerservice: Don Giovanni. Der Macker des Hauses, der kommt, wenn man ihn lässt oder sobald ihn der Duft der Frauen ins Lotterbett lockt. Ildebrando D’Arcangelo, basslastiger Vollgas-Bariton und mit einem zehnkampftauglichen Torso gesegnet, trägt in seiner Rolle noch nicht mal ein Hemd zur Anzughose, sondern nur eine Weste als Arbeitskleidung am Klangkörper. Bloß keine Zeit verlieren, soll das wohl signalisieren.

So plakativ und oberflächenpoliert begann sie, die erste große Opernpremiere der Salzburger Festspiele, in der Mozartstadt, im „Haus für Mozart“, mit den Wiener Philharmonikern im Orchestergraben und inszeniert vom derzeitigen Schauspielchef. Viel höher könnte die Niveau-Latte theoretisch kaum liegen. Doch es liegt hier offenbar nicht nur ein übler Fluch auf dem Fließbandverführer, den Mozart im Finale so dramatisch zur Hölle fahren lässt. Auch die gesamte Produktion bekommt, um im erotisch überzeichneten Genre-Bild zu bleiben, keinen hoch.

Die Schuld daran kann sich Noch-Intendant Alexander Pereira (der so etwas Fades auf die Bühne ließ) mit seinem Regisseur und Co-Chef Sven-Eric Bechtolf und vor allem dem komplett, ach was: geradezu tragisch fehlbesetzten Christoph Eschenbach teilen. Der ehemalige NDR-Chefdirigent brachte es fertig, die Wiener Philharmoniker von Anfang an lokal zu betäuben. Sie waren nicht mehr am berühmten Klang zu erkennen, sondern vor allem am Kleingedruckten im Programmbuch.

Schon die beiden d-Moll-Akkorde der Ouvertüre, die schlimmsten Schicksalsschläge der Klassik bis zum Beginn von Beethovens Fünfter, kamen derart halbherzig und desinteressiert aus dem Graben, dass man sich fragen durfte, ob das jetzt noch ein Fehlstart war oder tatsächlich schon Absicht. 2013 war Eschenbach als Einspringer für Franz Welser-Möst engagiert worden, um die Salzburger Da-Ponte-Trilogie zu übernehmen; für die „Così fan tutte“ als erstes Drittel gab es damals nichts als Kritiker-Dresche. Mit dieser Fortsetzung wurde nochmals klar, warum das drastische Strafmaß verdient war.

Denn was von Eschenbach bei diesem lendenlahmen „Giovanni“-Dirigat als Raufaser-Klangtapete aus dem Graben geliefert wurde, war Welten von einer festspielwürdigen Maßarbeit zu Kartenhöchstpreisen entfernt und taub für die rasanten Interpretationsideen, die beispielsweise das Klangreden-Genie Nikolaus Harnoncourt dieser Partitur abtrotzen konnte, als er der Salzburger Stammkundschaft diesen Klassiker 2002 funkenschlagend um die Ohren haute und eine gewisse Anna Netrebko über Nacht zum Star wurde. Einige Jahre später räumte ihr damaliger Lebensgefährte Erwin Schrott groß ab, weil er als Leporello umwerfend vital und lebensprall auftrat wie ein Naturereignis. Auch diese 2008er-Inszenierung von Claus Guth – Giovanni als ein von Anfang an tödlich verwundeter Junkie, der ein letztes Mal alles will vom Rest seines Lebens – hatte wenigstens ein konsequent durchgezogenes Konzept, das man mögen konnte oder nicht.

Bechtolf jedoch hatte, weit unter seiner Papierform bleibend, für den zweiten Aufguss seiner Züricher „Giovanni“-Regie von 2006 neben einigen schönen Stimmen im Ensemble lediglich etwas eher Schlimmes: eine Idee. Die mit dem edlen Stundenhotel, in dem man nach Belieben kommen und wieder verschwinden kann. Und Eschenbach hatte noch weniger, nämlich offenkundig keine Ahnung, wohin er mit dieser Oper aller Opern musikalisch wollte.

Sie schlackerte unter seiner unterschiedsarmen Leitung in Rolf Glittenbergs Einheitsbühnenbild nur vage im Irgendwie herum, war nicht richtig altbacken und überhaupt nicht überraschend. Die meisten Rezitative wirkten gehetzt und vernachlässigt, die großen Emotionsausbrüche in den Arien der drei weiblichen Hauptfiguren versuppten im Gefühligen. Doch der Cast war ohnehin fragwürdig, weil höchstens mittelprächtig: Luca Pisaroni nutzte die Chance, unter solchen Umständen ein umwerfender Leporello zu sein, nicht, er blieb als supporting singer zu blass und zu brav. Lenneke Ruiten wirkte als Donna Anna weitgehend beliebig, Anett Fritsch als Elvira zog ebenfalls nur bedingt in ihren Bann. Nirgendwo Stimmen und Namen, die man nicht im nächsten Festspielsommer schon wieder vergessen haben wird, weil der nächste Agent die nächsten sehr ordentlichen Stimmen ins Festspielhaus liefert. Detailpolitur? Egal. Innenspannung? Geht doch auch so. Einzigartigkeiten? Überschätzt. Aha-Momente und Blicke in menschliche Abgründe? Wie schade, sind heuer schon aus. Das war kein Dramma giocoso, sondern eher ein Trauerspiel.

Den einen oder anderen Regie-Einfall zum Mitschreiben im Premierenprotokoll brachte Bechtolf im Laufe dieses Abends routiniert in seinem Einheitsbühnenbild unter: Der Komtur wird hier nicht, wie es das Libretto vorsieht, von Giovanni im Duell umgebracht, sondern von seiner Tochter Donna Anna getötet, deren Messer-Hand der Schwerenöter geschickt umlenkt. Damit fällt zwar ein wichtiges Argument für die spätere Rache-Szene des Steinernen Gastes weg, aber natürlich nur, wenn man beckmesserisch genau an größere Zusammenhänge glauben möchte und ein Libretto hin und wieder ernst nimmt.

Im allseits beliebten „La ci darem la mano“-Duett lässt sich Giovanni von einer zufällig vorbeiflanierenden Kellnerin beim Schmachten ablenken, weil der Kerl-Geist nun mal schwach ist, wenn er lange Beine in Reichweite sieht. Nette Pointe, mehr aber nicht. Dauerhaft totzukriegen ist der Schürzenjäger am Ende auch nicht. Kaum hat ihn der Komtur (sympathisch furchterregend aus der Küchen-Schwingtür dröhnend: Tomasz Konieczny) mit eiskalter Hand und einem Dutzend Hilfs-Teufelchen in die ewigen Jagdgründe verbannt, schon steht er wieder. Also, der Mann. Don Giovanni, steht einfach wieder auf, als sei hier nichts gewesen außer Übernachtungsspesen, während die Überlebenden seiner Betrügereien im Schlusssextett formschön aufgereiht den Sieg des Wahren, Schönen, Treuen besingen, und scharwenzelt wie auf hormongesteuertem Autopilot um ein Zimmermädchen herum.

In handelsüblicheren Opernhäusern wäre diese gut gemeinte Inszenierung eine sichere Bank für mehrere Spielzeiten. Sie regt nicht auf, sie will fast nichts außer Gefälliges abliefern und dabei ein ganz klein wenig verrucht aussehen. Kein Wunder also, dass der Schlussapplaus des Upperclass-Publikums so dankbar war und so ungetrübt. Man lobte eine Produktion, die Bill Clintons legendärem Joint-Geständnis glich: Der hatte zwar mal an einem gezogen, aber, großes Ehrenwort, nie inhaliert. Einziger Hoffnungsschimmer für die Salzburger Mozart-Misere: 2015 wird Dan Ettinger anstelle von Eschenbach den neuen „Figaro“ dirigieren. Der Generalmusikdirektor aus Mannheim.