Berichterstattung

Sind die Medien bei Christian Wulff zu weit gegangen?

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff streitet mit dem „Spiegel“ und tritt heute bei „Maybritt Illner“ auf. Er spricht von einer „Diffamierungskampagne sondergleichen“.

Hamburg. Es ist die Woche des Christian Wulff. Am Montag erschien ein langes Interview mit ihm im Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, heute Abend ist er zu Gast bei „Maybrit Illner“ (ZDF, 22.15 Uhr). Der ehemalige Bundespräsident arbeitet nicht nur an seiner Reputation, er ist auch entschlossen, die Rolle der Medien zu hinterfragen und deren Schwächen aufzudecken. Was zu einer neuen, hitzigen Diskussion um den Fall Wulff führt, an der sich viele beteiligen – und die offenbar bis weit in die Redaktionen großer deutscher Blätter geht.

In dem Streitgespräch beklagt sich Wulff genau wie in seinem jüngst veröffentlichten, die Bestsellerlisten stürmenden Buch „Ganz oben, ganz unten“ darüber, dass es letztlich die Medien, allen voran „Bild“ und „Spiegel“, aber auch die „FAZ“, gewesen seien, die „eine Diffamierungskampagne sondergleichen“ gegen ihn geführt hätten, sodass er am Ende zurücktreten musste.

„Die Staatsanwaltschaft hat Hunderte Vorwürfe geführt“, erklärt Wulff dem „Spiegel“, „kein einziger hielt stand.“ Der Korruptionsprozess gegen Wulff hatte mit einem Freispruch geendet. Bis auf 400 Euro, die ein Filmproduzent eventuell anteilig an Hotelübernachtungskosten übernommen hatte, war kein Vorwurf haltbar gewesen. Wie Wulff nun im „Spiegel“ weiter sagt, hatten sich die Medien allerdings auf ihn „eingeschossen“ und „ein Zerrbild“ seines Charakters gezeichnet. „Das Klischee vom Schnäppchenjäger haben sie gleich am Anfang meiner Amtszeit erfunden“, sagt er. Insbesondere die Häme, mit der über ihn, aber generell über viele Menschen in den Medien berichtet werde, beklagt Wulff. „Wenn Sie solche Maßstäbe an Politiker so unbarmherzig und rigoros anlegen, dann können Sie sich Politiker künftig im Kloster ausleihen.“

Niedertracht sei eine neue Form der Berichterstattung. „Ein Jahr nach meinem Rücktritt haben wir unser Haus in Großburgwedel verkauft. Die ,Hannoversche Allgemeine‘ brachte ein großes Foto unseres Hauses und stellte die Frage: ‚Wer will dieses Haus?‘ Die ganze Republik lachte über ‚den kotbraunen Klinkerbau‘. Dass in den Redaktionen offenbar niemand fragte, wie fänden wir das, wenn morgen unser Haus, der Rückzugsort der Familie, so zur Schau gestellt würde – das war und ist für mich unbegreiflich.“

Fünfstündiges Krisen-Gespräch

In der „Spiegel“-Redaktion soll das Gespräch am vergangenen Montag in der Redaktionskonferenz zu Debatten geführt haben. Wulffs allgemeiner Medienschelte sei von den Interviewern in viel zu geringem Maße widersprochen worden, soll dort kritisiert worden sein. Außerdem verstehe man nicht, warum Redakteure, die seit Jahren im Stoff sind, nicht zu dem Termin mitgenommen wurden. Nach Informationen der „Berliner Zeitung“ hatte Wolfgang Büchner selbst diese Entscheidung getroffen und Wulff zusammen mit der stellvertretenden Leiterin des Berliner „Spiegel“-Büros Christiane Hoffmann und Peter Müller befragt.

In der „Hausmitteilung“ des Nachrichtenmagazins heißt es dazu: „Dass dies kein einfaches Gespräch werden würde, war klar, dass aber ein regelrechter Schlagabtausch daraus wurde, überraschte alle Beteiligten (...) In der Sache aber bleiben beide Seiten unversöhnlich. Nach fünf Stunden, kurz vor Mitternacht, ging die Runde nachdenklich auseinander.“ Offensichtlich haben also auch die „Spiegel“-Redakteure ihre Lehren aus dem Gespräch gezogen, auch wenn Wulff an dessen Ende mit Blick auf die Interviewer feststellt: „Ich hätte mir mehr Einsicht gewünscht. Schade.“ Zuvor hatten die Redakteure festgestellt: „Sie scheren alle Medien über einen Kamm. Der ‚Spiegel‘ und viele andere Medien werden Qualitätsansprüchen gerecht.“

Die Vorwürde des früheren Staatsoberhauptes gegen die Medien hatte „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann kurz nach Erscheinen des „Spiegels“ mit „Twitter“-Nachrichten gekontert, die beweisen sollen, dass Wulff der Presse, speziell der „Bild“-Zeitung, wohl nicht immer so kritisch gegenüberstand wie jetzt. Im Gegenteil: Er bedankte sich bei Diekmann sogar für Ratschläge. In einem Brief aus dem Jahr 2010 schreibt Wulff an den „Bild“-Chef: „Dank möchte ich Ihnen auch sagen für die Unterstützung, die ich in den vergangenen Jahren, gerade aber auch zuletzt im Umfeld der Wahl zum Bundespräsidenten, von Ihnen persönlich erfahren habe. Das ist für mich Ermutigung, Ansporn und Verpflichtung zugleich.“ Diekmann kommentiert dies auf Twitter süffisant mit dem Satz: „Oje, sein Blick zurück im Zorn scheint mir getrübt.“

Heute Abend ist Christian Wulff bei Maybrit Illner im ZDF zu Gast. Das Thema der Sendung, an der auch Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ und die grüne Politikerin Antje Vollmer teilnehmen werden: „Bundespräsident außer Dienst. Sind Justiz und Medien zu weit gegangen?“ Interessant dürfte sein, wie Christian Wulff, der inzwischen als Rechtsanwalt in Hamburg arbeitet, dann die Rolle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bewertet.

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