Ein Experiment: Abwertung leicht gemacht

Die spannende Dokumentation „Der Rassist in uns“ läuft heute Abend bei ZDFneo

Hamburg. 1968 war ein denkwürdiges Jahr. Die Studentenrevolten brachen los, und in Amerika revoltierten die Massen gegen Diskriminierung und Rassentrennung. Martin Luther King, wurde denn auch ermordet. Warum das schlimm war, sehr schlimm, wollte damals die junge Grundschullehrerin Jane Elliot ihren Schülern im Mittleren Westen der USA mit einem Experiment klarmachen, das sie selbst entwickelte: „Blue Eyes/Brown eyes“.

Über mehr als 15 Jahre hielt sie damit durch, gegen allen Widerstand. Anfang der 90er-Jahre bildete sie dann in Europa Trainer wie den Politologen und Soziologen Jürgen Schlicher aus. Er leitet nun den spannenden Workshop, den ZDFneo aufgezeichnet hat: „Der Rassist in uns“.

Selbst wenn eine wirkliche Teilnahme an Schlichers Workshops sehr viel intensiver ist, setzt einen schon diese gut aufbereitete Dokumentation, die zwei Wissenschaftler begleitend kommentieren, unter massiven Stress. Jürgen Schlicher bietet seit 18 Jahren „Diversity Trainings“ an, im In- und Ausland. Sein Kalender ist bis zum Jahresende ausgebucht. „Ich sehne den Tag herbei, an dem solche Trainings nicht mehr nötig sind. Mich motiviert aber die unglaubliche Lernerfahrung, die die Teilnehmer machen“, sagt er. Schlicher geht brachial vor: Schon bei der Begrüßung der 39 Workshop-Teilnehmer wird die eine Hälfte aggressiv-herablassend behandelt, die andere höflich begrüßt. Die „Guten“ haben in diesem Setting braune Augen, die „Doofen“ blaue. Wie die Juden im Dritten Reich einen gelben Stern tragen mussten, müssen die Blauäugigen hier einen grünen Kragen umlegen.

Speziell auf Deutschland sind die Ergebnisse nicht zu münzen

Jane Elliot beziehe sich in ihrem Experiment auf Bücher, die sie über den Holocaust gelesen habe, sagt Juliane Degner, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. Was nun und schon vorher geschieht, beschleunigt den Atem und macht es eng in der Brust, sogar für den, der vor dem Fernsehschirm sitzt. „Man fühlt sich schon sehr minderwertig“, sagt einer der Blauäugigen später. Degner staunt nicht darüber, wie schnell Menschen bereit sind, sich am Abwerten anderer zu beteiligen. „Es braucht dazu so wenig, weil wir gehorsam sind“, erklärt sie. „Wir leben allerdings in der Illusion, dass wir autonom seien.“

Juliane Degner kommentiert das Geschehen und sagt später, dass der Workshop „einen sehr intensiven Zugang“ zum Thema Rassismus herstelle. Man müsse sich klarmachen, was Migranten hier tagtäglich erlebten, auch wenn „Rassismus im Alltag oft nicht so explizit ist. Wir sehen gar nicht die Wahnsinnsbelastung, die ein Mensch, der zu einer Minderheit gehört, zusätzlich bewältigen muss.“

Bezogen auf eine Aufbereitung im Fernsehen ist die Wissenschaftlerin „sehr vorsichtig. Denn es gibt keine leichten Antworten, das Ganze ist sehr komplex“. Ihre Gedanken und Analysen im Fernsehen darzulegen, habe sie aber als Chance wahrgenommen. „So kann ich einer breiteren Zuhörerschaft etwas zu diesem Thema erklären.“ Speziell auf Deutschland sind die Ergebnisse des Workshops nicht zu münzen. „Die sind überall sehr ähnlich“, sagt Jürgen Schlicher.

„Der Rassist in uns“ Do 10. Juli, 22.15 Uhr, ZDFneo