BR Klassik soll UKW-Frequenz abgeben

Radio-Debatte: Resterampe für Klassiker oder Chance für Neues?

| Lesedauer: 6 Minuten

Ein Grundsatzstreit ist entbrannt: Der Bayerische Rundfunk will BR Klassik ab 2016 zu DAB+ und ins Internet verlegen, um die UKW-Frequenz seinem Jugendsender zu geben. Zwei Meinungen zu dieser Medien-Debatte.

Hamburg. Auf den ersten Blick hat der dieser Tage wütende Radio-Streit nichts mit Hamburg zu tun: Schließlich plant nicht der NDR, einen Klassiksender aus dem UKW-Programm zu verbannen und die so frei gewordene Frequenz mit der anstaltseigenen Jugendsparte zu belegen. Es ist der Bayerische Rundfunk, der ab 2016 BRKlassik nur noch im digitalen Radio und dem Internet ausstrahlen will. Dessen Sendeplatz soll dann das Jugendradio Puls bekommen, das bislang nicht im UKW empfangen werden kann.

Doch geht es nicht nur um Sendeplätze und Programmgestaltung, wie man an den teils massiven Protesten ablesen kann. Es geht auch um das Verständnis von kultureller Bildung, um den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt.

Pro: Alexander Josefowicz

Seien wir doch einmal ehrlich: Wir diskutieren gar nicht die Sinnhaftigkeit der Entscheidung, den altehrwürdigen Sender BR Klassik ins Digitale zu überführen und seinen Massenempfangsplatz im UKW-Netz der aus ebendieser Ecke kommenden Jugendsparte Puls zu überlassen. Wir diskutieren über unser Kulturverständnis. Liest man beispielsweise die vom Bayerischen Musikrat aufgesetzte Petition, so ließen sich große Teile der Argumentation problemlos auch von der Gegenseite verwenden: „Mit seinen Programmangeboten sorgt BR-Klassik dafür, dass Menschen aller Gesellschaftsschichten am reichhaltigen Musikleben Bayerns und der Welt teilhaben und es in ihren Alltag integrieren können. Das gilt eben nicht nur für wohlhabende und privilegierte Menschen, die sich Konzertbesuche in den Metropolen leisten können und daher weniger auf das Radioangebot angewiesen sind, sondern für die ganze Breite der potenziell Musikinteressierten im Freistaat Bayern. BR-Klassik macht musikalische Hochkultur allen Menschen frei Haus zugänglich, egal ob in der Großstadt oder im ländlichen Raum.“

Zum reichhaltigen Musikleben, zur musikalischen Kultur (auf das „Hoch“ komme ich noch zu sprechen) gehören aber eben nicht nur Bach, Stockhausen und Hindemith. Sondern auch Ben Frost, Schlachthofbronx und Ghostface Killah. Braucht nicht gerade das junge Radio sorgfältig kuratierte Sendungen, die auch einmal über den engen Horizont der Heavy Rotation hinausblicken? Der werbefinanzierte Privatfunk ist schließlich gefangen im Korsett des Mainstream. Was in den Charts steht, das wird rauf und runter gespielt, denn es garantiert Einschaltquote und damit Werbekunden.

Öffentlich-rechtliche Sender hingegen können sich einen Platz für Newcomer und Experimente leisten, sich öffnen für Strömungen, die gerade erst aus dem subkulturellen Untergrund auftauchen. Das aber ist rechercheintensiv und bedarf einer Führungsetage, die nicht nur auf die nächste Media Analyse schielt, auf die Tagesreichweite der hörerintensiven Morgensendungen, sondern seinen Redakteuren die Freiheit lässt, die Hörer mit auf musikalische Entdeckungsreise zu nehmen. Und auch das ist kulturelle Bildung, die es verdient hat, „allen Menschen frei Haus zugänglich“ gemacht zu werden. Die alte Grenzziehung zwischen schützenswerter Erbauung (also klassischer Musik) und allenfalls nachrangiger Unterhaltung (dem ganzen Rest), wie sie von den Verfechtern der Klassik dieser Tage wieder angeführt wird, ist sie nicht längst überholt? Nur, weil man das bequeme Etikett „Hochkultur“ draufpappt, ist die so geadelte Musik nicht automatisch wertvoller als das, was in Proberäumen, Garagen und Tonstudios überall auf der Welt geschaffen wird.

Kontra: Joachim Mischke

Klar könnte man sich ganz entspannt fragen: Was interessiert uns hier oben, ob der Bayerische Rundfunk seine Klassik-Welle 2016 ins Digitalradio und ins Internet verlegt? Ist doch weit weg. Doch so einfach darf man es sich bei diesem Thema nicht machen, und den öffentlich-rechtlichen Radio-Chefs der Kulturnation Deutschland erst recht nicht. Denn warum sollte man glauben, dass ausgerechnet die Generation Smartphone & Spotify so ihr Herz für das Analog-Radio entdeckt? Warum sollen die oft älteren Klassik-Hörer jetzt zwangsdigitalisiert werden? Warum bedient man die „Jugendradio“-Klientel nicht dort, wo sie ohnehin ständig ist: im Netz? Und warum wird nicht stattdessen eine der mehreren Nicht-Klassik-Wellen ins kaum genutzte DAB+-Sortiment umgeleitet?

Anspruch und Niveau stören offenbar nur bei solchen Fragen. Die „Bildungsbürger“ mögen darüber bitte still und heimlich hinwegsterben, hoffen die Senderchefs in München und vielleicht auch andernorts, als ob nur Scheintote sich für Klassik und andere „Hochkultur“ interessieren würden oder dürften. Auf jeden Fall aber gilt: Wer für seine Gebühren auch noch übers Programm maulen will, der stört den Betrieb.

Es geht aber, natürlich, auch grundsätzlicher: Was wird bei solchen Planspielereien aus dem öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag, der gern ausgeblendet wird, sobald es um quotenstarke Pilcher-Verfilmungen, sämige Nonnen-Serien oder Spielshows auf Kita-Niveau geht? 2014 hat die ARD etwa eine Milliarde Euro von den Beitragszahlern erhalten. Da sollte eine respektvollere Behandlung des Kulturguts Klassik schon noch drin sein.

Als der WDR 2012 seine Klassik-Sparte auf Häppchenlinie brachte, setzte es Beschwerden nicht nur aus NRW. Der SWR-Intendant Boudgoust will gerade unbedingt aus zwei Rundfunk-Orchestern eines machen, obwohl jede Menge wütender Widerspruch kommt. Gegen die aktuellen BR-Klassik-Pläne von BR-Intendant Wilhelm, der damit einen „Generationenabriss“ verhindern will, unterschrieben rund 54.000 Menschen eine Petition. Darunter war sogar Mariss Jansons, der Chefdirigent des BR-Sinfonieorchesters. Das Orchester ist ebenso weltbekannt wie sein Maestro. Beide wären ab 2016 raus aus dem UKW-Radio. Und wie passt in dieses Bild, dass der NDR ausgerechnet jetzt mit seinem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock das „Dvorak-Experiment“ anschiebt und im Herbst ARD-weit versendet, um Jüngere an die Klassik zu bringen? Nein, dieses Problem von der Isar ist deswegen weder weit weg noch ist es harmlos. Der BR will Weichen stellen, in eine Zukunft, in der Klassik zum Wegdämmern verurteilt wäre. Das beliebte Rotstift-Prinzip „Geht doch auch so...“, hier wäre es grundverkehrt. Und gefährlich. Denn als nächstes wären weitere Orchester dran, danach weitere Büchereien, Museen oder Theater. Und damit letztlich wir alle.