Laeiszhalle

Chilly Gonzales, zwischen Walzer und Wahnwitz

Gemeinsam mit dem Hamburger Kaiser Quartett gab der kanadische Musiker, Komponist und Entertainer ein umjubeltes Konzert in Hamburg. Im August wird er das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnen.

Hamburg. Den Gästen in der ausverkauften Laeiszhalle steckt die Euphorie des sommerlichen Tages noch in den Gliedern. Sie plaudern, sie umarmen sich. Ein Publikum von jung bis mittelalt. Eher im Club als im Konzertsaal zu Hause. Erst langsam kommen sie zur Ruhe, als Chilly Gonzales sich – wie gewohnt in feinem Bademantel mit Pantoffeln – an den Flügel setzt. Der Kanadier beginnt zunächst solo am Piano. Und für seine Verhältnisse verhalten. Aber der (Wahn-)Witz lässt nicht lange auf sich warten. Etwa bei seiner Komposition „White Keys“. Die dunkle Dramatik des Stücks bricht er, indem seine Rechte immer wieder in die hohen Töne ausbricht. Bis er auf eben jene Stelle des Klaviers haut, als töte er eine nervige Mücke. Und genau das ist der Mix, den seine Fans in Hamburg frenetisch bejubeln: Der 42-Jährige, der derzeit in Köln lebt, ist ein beschlagener Musiker, der Beethoven ebenso bewundert wie Busta Rhymes. Und der dieses Wissen in Enthusiasmus und Schönheit umsetzt, ohne dünkelhaft zu sein. Auch wenn seine Songs mitunter wütende (und äußerst amüsante) Hasstiraden sind, mag er die Menschen, liebt er den Austausch. Etwa mit dem Hamburger Kaiser Quartett, das ihn an diesem Abend begleitet. Verstärkt durch den Londoner Drummer Joe Flory.

Wenn sich der Sound der vier Streicher vielschichtig aufbaut, dann wird Gonzales zum fünften Element, fügt sich ein. Er mag ein virtuoser Showmann sein, aber er verrät die Seele seiner Stücke nie an das pure Handwerk, an den Effekt. Gemeinsam mit dem Kaiser Quartett erschafft er Musik, die wahrhaft lebt. Die mal kaum hörbar atmet, um dann los zu preschen wie Hundert wild pochende Herzen. Ein Spiel, das sich locker zwischen Jazz, Swing, Klassik, Walzer, Pop und Rock bewegt. Das den beatlastigen Wumms des HipHop entwickeln kann wie bei dem gerappten „Self Portrait“. Oder das kammermusikalisch tönt wie in „Odessa“.

Gonzales reisst Zoten, während er auf seinen Bongos trommelt, rührt dann aber wieder zu Tränen, wenn er eine sehnsuchtsvolle Melodie anstimmt. Und er versäumt es auch nicht, sein nächstes Gastspiel in Hamburg anzukündigen: Am 6. August eröffnet er gemeinsam mit Regisseur Adam Traynor das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel mit der Uraufführung von The Shadow, einem musikalischen Schattenspiel nach Hans Christian Andersen. Auch dann wird er hoffentlich sein Versprechen halten, dass er im Song „Supervillain Music“ gibt: „I could never disappoint a crowd“. Nein, enttäuscht hat er in Hamburg keineswegs.