TV-Thriller

„24“-Comeback in London: Jack Bauer sucht Frau

| Lesedauer: 5 Minuten
Joachim Mischke

Nach vier Jahren Bildschirmpause meldet sich Bushs bester Ballermann Jack Bauer mit „24: Live Another Day“ zum Dienst an der Waffe zurück.

Er ist blond und auf geheimer Mission unterwegs, kann sehr gut mit Stress und Waffen umgehen, aber ziemlich schlecht mit Menschen. In einer Szene fliegt ihm ein Taxi mit dem Union Jack auf der Tür um die Ohren, in einer anderen posiert er vor der Londoner Skyline wie Batman bei der Bewachung von Gotham City. Die Initialen: JB. Und trotzdem ist es nicht Daniel Craig als James Bond.

Die „24“-Uhr tickt wieder. Jetzt wird man auch hier überall wieder Handys mit jenem unerbittlichen Vier-Ton-Leitmotiv hören, das ab 2002 für Fans der TV-Serie „24“ ein todsicheres Erkennungsmerkmal war, weil die Telefone im Agentenbunker der Counter Terrorist Unit so klingelten. Vier Jahre nach dem Ende der achten Staffel, als er lädiert abtauchte, ist Bauer wieder da. Mit mehr Falten um die Augen und einer alten Bekannten, der einstigen Schreibtisch-Pomeranze Chloe O’Brian, die jetzt aber offenbar Bauers Gegenspielerin darstellt. Als Daten-Guerillera in schwarzem Leder wird sie wie eine Mischung aus Lisbeth Salander und Edward Snowden inszeniert.

Als 2001 die erste „24“-Staffel gedreht wurde, war George W. Bush Präsident, die Twin Towers in New York standen noch. Snowden war nur ein komplett unbekannter Informatikstudent. Acht Wochen nach 9/11 wurde die erste Folge in den USA ausgestrahlt. Sie zeigte einer im Innersten erschütterten Nation einen Terroristenbekämpfer ohne störende Wenns und Abers. Und einen manisch aggressiven Machtapparat, der erst schoss und dann – vielleicht – fragte, ob man gerade den Richtigen umgenietet hatte.

Jack Bauer – für den bis dahin eher zweitklassig gebuchten Schauspieler Kiefer Sutherland die Rolle seines Lebens – war wie ein feuchter Traum für hartgesottene Republikaner mit Hang zum gepflegten Verfolgungswahn. Die Foltermethoden von Abu Ghraib kamen später ans Licht und wirkten fast wie ein Abziehbild der drastischen Schwarz-Weiß-Mentalität Bauers. Skrupel kannte der keine bei seiner Jagd nach Schuldigen. Sein Body Count dabei: 270 Getötete. Mehrfach starb Bauer bei seinen Einsätzen unterhalb des Radars von Recht und Gesetz und legte zum Wohle seines Landes einige Wiederauferstehungen hin.

Der dramaturgische Trick von „24“ war so simpel wie nervenaufreibend: Die wilde Hatz nach den Bösen und ihren Bomben war in Echtzeit inszeniert. 24 Folgen, 24 Stunden. Ein sehr übler Tag. Auf Splitscreens liefen die Handlungen parallel und vervielfachten damit die Spannung. Bauer kam nie zur Ruhe. Wie ein bis an die Zähne aufmunitionierter Duracell-Hase hetzte er durch ein Los Angeles, das sich ständig am Rand der Apokalypse befand, weil finstere Ausländer mit einem Faible für Giftgas oder Nuklearwaffen sehr Schlimmes und Demokratiefeindliches im Sinn hatten.

Einige Methoden von damals sind inzwischen etablierte Mittel der Realpolitik. „Wir nahmen viele Entwicklungen voraus, die sich nach dem Start der Serie ereigneten“, sagte Bob Cochran, einer der Schöpfer, später über den globalen Erfolg des „24“-Prinzips. Acht Jahre vor der Wahl Obamas regierte in „24“ ein liberaler afroamerikanischer Präsident im Weißen Haus. Dort lernte er schnell, dass Freundlichkeit allein keine brauchbare politische Kategorie darstellt. Der echte Barack Obama, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, hat sich inzwischen mit seiner Haltung zu Guantanamo, tödlichen Drohneneinsätzen und der NSA-Affäre in die Geschichtsbücher eingeschrieben.

Als Inspirationsquelle für Serien-Erfolge ist „24“ epochal wichtig gewesen. Der Suchtfaktor, mit dem Fans jetzt weltweit Langzeit-Epen wie „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ oder „House of Cards“ verschlingen, hat mit Jack Bauers Paranoia-Passionen begonnen. Das „Binge watching“-Prinzip, das pausenlose Verschlingen kompletter Serien-Staffeln bis zum Morgengrauen (oder wenigstens bis zum Augenstillstand), nahm mit Bauers Anti-Terror-Dauerläufen seinen Anfang. Seine Aufgabe als Bushs bester Ballermann übernahm die manisch-depressive CIA-Analystin Carrie Mathison in „Homeland“. Obama zählt sie zu seinen Lieblingsserien, weil dort nichts schnell geklärt wird und niemand frei von Zweifeln an sich selbst ist und erst recht nicht am System.

Und jetzt ist Bauer also wieder da, mit „24: Live Another Day“, einer kaum verhüllten Anspielung auf den Titel des letzten Bond-Films mit Pierce Brosnan. Nachdem Pläne für einen „24“-Film nie mehr waren als halbgare Gerüchte und sich das spezielle Portionierungsformat ohnehin nicht mit dem Konzept eines Films vertragen hätte, verdoppelten die Autoren und Produzenten für Bauers Comeback die Schlagzahl. Nur noch zwölf statt 24 Folgen. Also weniger Von-A-nach-B-Fahren, dafür mehr Tempo und weniger Durchhänger, um die Fangemeinde bei Laune zu halten, die in den vergangen Wochen erwartungsgemäß durchdrehte vor Vorfreude.

Auch bei der Vermarktung passt sich der US-Sender Fox den Markt-Spielregeln an. Einen Tag nach der Ausstrahlung in den USA, die am 5. Mai beginnt, wird „24: Live Another Day“ von Sky präsentiert, diverse Video-on-Demand-Anbieter, darunter iTunes, Maxdome oder Videoload, folgen hierzulande mit erträglich leichter Verzögerung einen Tag später. So wird elegant –und kostenpflichtig – verhindert, dass sich die Fans der Serie das Suchtmittel ihrer Wahl illegal und gratis im Internet herunterladen. Dort, in den Fanforen, den Twitter-Meldungen und den Facebook-Einträgen wird jetzt über das Schicksal von Jack Bauer entschieden. In Echtzeit, wie es sich für „24“ gehört.